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Tonträger des Monats Jänner 2022 / Ö

THE BASE: „Lick A Stone Kill A Fly“, konkord (CD, LP mit CD, digital) VÖ 28. 1. 2022

Die Herren Wally, Klinger und Miklin gehören zu Graz wie der Mühlgang, in dem sie für das Pressefoto Platz nahmen, aber auch wie das Q, das Explo oder die dunkleren Ecken des Lendplatzes in einer Halbmondnacht. 1989 gegründet, muss man mehr sagen? Längere Zeit konnte einem das Trio außerhalb der Stadtmauern vielleicht noch entgehen, aber spätestens ab 2009 mit einer Top-Platzierung beim Amadeus Award müsste eigentlich jede und jeder Indierock-Fan in Konzerte und Platten von The Base investiert haben. Falls nach der Apokalypse nur mehr eine Band auf diesem Planeten spielt, wäre das aus Grazer Perspektive unser Tipp. „Lick A Stone“ ist staubtrocken und zugleich druckvoll, klassisch und doch auf der Höhe der Zeit.

Der Sound hat Extraklasse, überhaupt scheint uns das vorläufig die lässigste „Base“-Platte, die wir bisher in den Ohren hatten. Wally hat eine der besten Indie-Stimmen dieses Landes, darüber brauchen wir gar nicht diskutieren. Und dass die zwei Herren am Bass und am Schlagzeug in der obersten Liga spielen, wird auch kein vernünftiger Mensch bestreiten wollen. „Lick A Stone“ bringt 13 Songs, die ziemlich viele Seiten des Lebens beleuchten. Der Babysitter ist verschollen (unser Lieblingssong übrigens). Das Glück ist nur Fake. Und wieder einmal keiner singt mit.

Wird schwer eine Alternative-Rock-Scheibe dieser Qualität im Quartal 1/2022 anderswo zu finden. Und weil The Base live gleich noch einmal so gut sind, hoffen wir auf folgende Konzerttermine:

4. 2., Spielboden Dornbirn. 10. 2. Rockhouse Salzburg. 11. 2. Chelsea Wien. 12. 2. Stadtwerkstatt Linz. 18. 2. Marenzihaus Leibnitz. 19. 2. ppc Graz. 25. 2. Kammerlichtspiele Klagenfurt und 5. 3. bei unseren Friends im Rittersaal Hartberg. Mehr Termine und News unter www.the-base.at

Foto: © Marija Kanizaj

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WIENER BESCHWERDECHOR: „Wiener Beschwerdechor“, Schallter / monkey VÖ 17. 12. 2021

Es dürfte einer der größten Chöre von Wien sein und wohl auch der schrägste. Bis zu 50 Menschen beschweren sich in unregelmäßigen Abständen kollektiv und gesanglich über Architektur, die Stadt, die Gesellschaft und nutzen dabei Liedmaterial von Leuten wie dem Nino aus Wien, Sir Tralala, 5/8erl in Ehr’n oder dem Fuzzman. Diesmal mit „Unentschieden gegen Ried“ zusammen mit dem Nino und „Kumma ned“ vom Voodoo sogar mit so etwas wie zwei Chart-Hits. Unser Lieblingssong aber ist „Sicha Sicha ned“ mit flottem Akkordeon. Das Chor gewordene Kunstprojekt, das 2010 gegründet wurde, hatte noch nie so viel Berechtigung wie heute. Denn: Stoff für Einsprüche aller Art gibt es reichlich. Und nur die wenigsten Aufgeregten haben so viel Stil. Ach ja: Danke für den Wittgenstein-Song!

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MY SOLACE LIES: „Authorised Presence“, Pumpkin Records

Wir kehren nach Graz zurück, vermengen wir das aber mit einer Portion Wien und widmen wir diesem noch recht jungen Quartett unsere Aufmerksamkeit. Die zweite Platte der vier Herren beginnt mit einer epischen 7-Minuten-Nummer namens „wrmscah“, die gleich mal mit Orson Welles das Ende der Welt vorbereitet. Die „solace lies“ könnte man sich sehr gut gemeinsam mit The Base an einem Konzertabend vorstellen, denn der Fokus mag unterschiedlich gelegt sein, der Sound der „lies“ ist etwas heller, doch die Grundstimmung gar nicht so verschieden. Die junge Generation hat ihre Melvins sicherlich auch gehört, das Schlagzeug geht sogar zuweilen in metallische Sphären. Dann wird das ganze aber wieder fragiler. Es ist generell eine Platte, die eher an gut eingegangene Turnschuhe erinnert als an massive Boots. Da könnte man auch drauf aufbauen für die Zukunft und noch etwas schwergewichtiger werden. Wenn es halt nach uns geht…

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VERENA ZEINER & ZIV RAVITZ: „The Sweetness of Finitude“ Sessionwork Records, VÖ 14. 1. 2022

Zur Ruhe kommen. Das wäre ein Vorsatz für das neue Jahr (gewesen). Ginge sehr sehr gut mit diesem – für den Haubentaucher dann doch recht ungewöhnlichen – Album. Die Pianistin aus Niederösterreich und der israelische Schlagzeuger haben sich vor mehr als zehn Jahren in New York kennengelernt. Dies ist nicht die erste Zusammenarbeit, wohl aber die erste Platte. Ein intimer Dialog zwischen einem wunderbar poetischen Klavier und der sehr wandelbaren Percussion, jazzy, und meditativ.

Live am 19. 1. im Porgy & Bess (wenn es sein darf)

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BOGENSBERGER: „Anarchisten auf der Autobahn, Taoisten unterm Birnenbaum“, Sturm & Klang 2021

Also ganz taufrisch ist die CD eigentlich nicht mehr, aber wenn der Künstler himself sie uns samt nettem handgeschriebenem Brieflein schickt, dann können wir gar nicht anders. Der Herr Bogensberger ist irgendwo zwischen Gesellschaftskritik, Kabarett, Literatur und Musik zu Hause. Viele in Graz werden ihn ohnehin durch sein markantes Erscheinungsbild kennen, aber auch an seinem zweiten Wohnsitz in Berlin fällt er bestimmt ein wenig aus dem Rahmen. Eine gewisse Verwandtschaft zu Karl Valentin oder zu Bertl Mütter könnte man heranziehen, um die „anarchistisch-taoistischen“ Lieder zu beschreiben. Neben dem Gesang und der Klampfe ist vor allem das Kazoo ziemlich prägnant. Dazwischen gibt es dann Sprechstücke etwa über grauenvolle Gewürzhändler und andere magische Geschichten. Eine CD, die sich angenehm wenig um die Gegenwart schert. So gesehen hätte es die Erwähnung des einstigen Innenministers mit dem Faible für Entwurmungsmittel gar nicht gebraucht. In höchstem Maße Ö1-tauglich. Und für Leute geeignet, die Poesie nicht nur lesen, sondern auch hören wollen.

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EARL MOBLEY: „Glamour, Envy & The Act of Looking“, Borkum Riff Records VÖ 10. 12. 2021

Zum Finale noch ein viel versprechendes Debut. Earl Mobley ist der Deckname von Konstantin Heidler, von einigen einschlägigen Band-Projekten bekannt. Als Produzent hatte mit Wolfgang Möstl eine Branchengröße seine Finger im Spiel. Die Platte, die eigentlich schon 2020 enstand, aber wegen diverser Umstände erst Ende 2021 erschien, kommt erfreulicherweise ohne Glamour aus, sondern setzt auf Indie mit einer gewissen Lässigkeit. Die Gitarre steht im Mittelpunkt, aber auch Synthie-Sounds sind nicht unwichtig. Die zwölf Songs haben uns angenehmst berührt. Wenn „shameless selfpromotion“ so dezent daherkommt wie beim Earl auf Instagram, sind wir sehr sehr gern weiter dabei!

Foto: Gabriel Hyden

 

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