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Dramen, die das Leben schrieb Festivals

Musiktheater des Monats

„Ois offn!“, Schauspielhaus Graz

Die Sitzreihen an diesem ersten Theatertag 2021 sind ausgedünnt, die Stimmung ist freudig gespannt. Auf der Bühne begrüßt sichtlich gelöst Intendantin Iris Laufenberg, zu Wort kommt sie erst, nachdem dieser Premierenabend ausgiebig eingeklatscht ist. Die Begeisterung ist auf beiden Seiten des Orchestergrabens unverhohlen da.

Mit der Eröffnungsszene des Premierenstücks „Ois offn!“ kehrt jedoch die Langsamkeit zurück, Sandy Lopicic nimmt uns mit seiner jüngsten Inszenierung auf eine Zeitreise retour zu einem zufälligen Ausgangspunkt. Ein etwas existentialistisch anmutender, leerer Raum gähnt dem Publikum entgegen und erinnert die Zusehenden an das Gefühl des unsicheren Wartens der letzten Monate.

Was geschieht jetzt? Geschieht etwas?

Wie ihnen geschieht, wissen auch die zwölf Charaktere nicht, als sie auf die Bühne gebeamt werden – sie erscheinen plötzlich, ohne sichtbare oder logische Verbindung zu einander.

Da stehen sie nun, zusammengeführt von einer höheren Macht: der Wanderer, die Bäuerin, die gealterte Diva im Badeanzug, ihr ergebener Begleiter, das gefiederte Partygirl, ein Arzt, ein Büroangestellter, die beiden Handwerker, eine Zirkusprinzessin, ein Killer, die vergessene Braut.

Erste A-Cappella-Töne durchbrechen die Stille, dissonant und unbeholfen. Nach und nach steigern sich die Protagonist*innen zu Duetten und instrumentalen Duellen. Die Songs klingen wie eine Playlist der Pandemie, die die individuellen Sorgen und Bedürfnisse der Charaktere widerspiegelt.

Lopicic und sein Ensemble wandeln zwischen Humor, Extase und Enttäuschung, die in den abrupten Abbrüchen der Gesangseinlagen die Stimmung gehörig zu dämpfen versteht. Der Abend gerät zu einer musikalischen Achterbahnfahrt, wild und still, er glänzt mit einer beachtlichen Diversität an instrumentalem Können. Besonders eingeprägt haben sich die melancholische Stimme der Sängerin und Cellistin deeLinde mit dem Lied Irgendwann, das wunderbare Duo Beatrice Frey und Rudi Widerhofer mit der leisen Mahnung Handschuh aus Samt und die Ballade vom letzten Wunsch eines alten Zirkuspferdes, neu vertont von Sandy Lopicic und stimmgewaltig gesungen von Susanne Konstanze Weber.

Der Abend endet mit einem hoffnungsfrohen „Ja“, das den gemeinsam Lock-Down in Haus Eins mit tosendem Applaus beendet.

Das Theaterfeuer lodert wieder hell und die Haubentaucherin verlässt das Schauspielhaus mit der beruhigenden Gewissheit, dass das Loch im Eimer fürs Erste geflickt ist.

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Zu sehen im Schauspielhaus Graz / Haus 1 an folgenden Terminen:

Sa, 22. Mai 19:30 – 21:10

Di, 25. Mai 19:30 – 21:10

Fr, 28. Mai 19:30 – 21:10

So, 30. Mai 15:00 – 16:40

Mi, 02. Jun 19:30 – 21:10

Mi, 16. Jun 19:30 – 21:10

Do, 17. Jun 19:30 – 21:10

Fr, 18. Jun 19:30 – 21:10

Sa, 19. Jun 19:30 – 21:10

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Besetzung:

REGIE | Sandy Lopičić; BÜHNE | Vibeke Andersen; LICHT | Viktor Fellegi; DRAMATURGIE | Elisabeth Tropper

MIT Oliver Chomik, Beatrix Doderer, Beatrice Frey, Sarah Sophia Meyer, Clemens Maria Riegler, Susanne Konstanze Weber, Rudi Widerhofer

KLAVIER, AKKORDEON, HARMONIUM | Alexander Christof; VIOLINE, CELLO, KONTRABASS | deeLinde; KLARINETTE, BASSKLARINETTE, KONTRABASS | Miloš Milojević; VIBRAPHON, SCHLAGZEUG, GLOCKENSPIEL | Raphael Meinhart; KONTRABASS, E-BASS, GITARRE | Sašenko Prolić.

Infos und Tickets unter https://schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com/play-detail/ois-offn

Foto: Karelly Lamprecht

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