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Musik

Tonträger des Monats Februar 2019 / Ö

Wow, die heimische Szene war äußerst rege. Viele neue Alben und Bands, von denen man vielleicht bisher noch nicht so viel gehört hat, aber jetzt…

LEX AUDREY: „No intention of changing the world“, Las Vegas Records 2019

Was für ein böses Cover! Und was für eine schöne Platte! Die drei Musiker aus Kirchdorf, Linz bzw. Wien haben auf ihrem ersten kompletten Album elektronische Sounds mit Pop gemischt. Die früheren Rock-Anklänge sind zurück gefahren. Vielleicht war da auch die gemeinsame Zeit auf Tour mit den Genies von 5K HD mit verantwortlich.

Die gesamte Arbeit an „No intention…“ wurde selbst erledigt und da staunt der Laie, denn die Platte ist wirklich sehr sehr solide produziert. Und vor allem fährt sie geradewegs in die Beinchen. Die Nummer mit dem vielleicht größten Indie-Hit-Potenzial: Mexican Standoff (Nr. 4 auf der Platte). Sollten alle DJs mal gehört haben. Lex Audrey wollen nämlich nicht die Welt ändern, aber zu mehr Aktivität aufrufen und zu weniger Konsumismus. Wir können es nicht anders sagen: Geile Scheibe. Schon jetzt vormerken: 29. April im Chelsea in Wien.

PIPPA: „Superland“, Lotterlabel 2019

Was ist denn das? Ist da ein Engel vom Himmel gefallen und mitten im Wiener Prater gelandet? Pippa, das ist eine junge Sängerin, die verträumt über das Riesenrad singt, über Tattoos, Loser und Superhelden, über den Weißclown, und das in einem dermaßen charmant-zarten Wiener Slang, das man sich auf der Stelle verliebt. Pop, aber nicht platt wie das Zeug, das Ö3 üblicherweise spielt, sondern sorgfältig und stilvoll komponiert. Kein Wunder, Leute wie Herwig Zamernik (Naked Lunch, Fuzzman) und die Wiener Spezialisten Redelsteiner hatten da ihre Hände im Spiel. Philippa Galli wird eine große Zukunft haben und wir sind froh, da gleich dabei sein zu dürfen. Hoffentlich gibt es bald neue Auftritte, als Support von Naked Lunch haben wir sie zuletzt leider verpasst…

ERWIN & EDWIN: „Power“,  OMdrom Music 2019

Man kann an Österreich einiges gruslig finden, aber es gibt hier wirklich einen Riesenberg an talentierten Musikerinnen und Musikern. Warum fahren eigentlich Erwin & Edwin nicht zum ESC? Ach, lassen wir das. Klar, das ist RAP – in Großbuchstaben. Aber das ist auch Funk bis hin zu Big Band Sound und das mit gerade mal 5 Musikern. Die noch nicht einmal ausschauen wie Rapper. Und Power ist eigentlich erst der Anfang, konkret: Das zweite Album.

Ach ja: Pop ist es übrigens auch. Gereift in hunderten Live-Gigs (ohne Übertreibung!). Und ehrlich: Wir stehen vor allem auch auf die Texte – und ganz besonders, dass Alix sie mittlerweile vorträgt. Erwin & Edwin sind groß und 2019 wird ihr Jahr. Power: Das ist die Platte, die man sich im Februar/März definitiv checken muss. Nebst den nächsten Shows: 21. 2. Linz, 22. 2. Salzburg, 1. 3. Graz. www.erwinundedwin.com

SISTER JONES: „Breathe“, Self published 2019

Vorweg zur Klarstellung: Abgesehen von Linda Mühlbacher, die mit Keyboard und Back Vocals recht neu mit von der Partie ist, sind Sister Jones keine Schwestern, sondern Burschen. Und auch partout keine Newcomer, wie man eventuell als Nicht-Insider vermuten würde.

Die Band mit Homebase Linz ist bereits seit 2011 aktiv. 2017 schließlich tourte man durch Norwegen und dabei verfestigte sich der Gedanke, es in Zukunft vielleicht noch mit etwas mehr Entschlossenheit anzugehen. Was hiermit als gelungen bezeichnet werden kann.

„Breathe“ ist eine interessante Mischung aus jazzigen und souligen Sounds mit Rock und einer Dosis Ska. Jakob Köttl, Hannes und Christian Eilmsteiner, Paul Szelegowitz, Bastian Enzenhofer und die besagte Linda Mühlbacher haben da Elemente von Madness, den Beatles, Nirvana, klassischer Kammermusik und 1000 anderen Elementen zu einem schönen Ganzen gemixt. Gemischt wurde das Album von Tobias Koett, den man auch von Ant Antic kennen sollte, und der seinen Job exzellent gemacht hat. Eine erstaunliche Platte, frisch, ideenreich, stark und keine Sekunde langweilig oder überladen. Die nächsten Termine: Am 15. 3. im Glam in Feldbach, am 6. April im Jazzkeller in Krems, danach auf dezenter Ö-Tour.

AT PAVILLON: „Believe us“, Las Vegas Records 2019

Dass die Welt ungerecht ist und das Jahr 2019 schon zu Beginn voll mit erstklassigen Platten zeigt sich daran, dass die eh schon ganz schön gehypten (und das zurecht!) At Pavillon erst an 5. Stelle hier besprochen werden. Aber Leute, die Reihenfolge ist keine Wertung, wir sind hier nicht bei den „Großen 10“.

Das erste ganze Album wurde schon sehnsüchtig erwartet, denn die vier Herren mit Roots in Österreich, Deutschland, Iran und Tansania machen Power-Pop mit Rock-Attitüde von internationalem Format. „All Eyes on You“ ist bekanntlich ein Kracher, den man nach 3 Sekunden nicht mehr aus dem Hirn bekommt. Aber auf „Believe us“ finden sich auch verspieltere Songs, die genauso super sind. Wir lehnen uns wohl nicht sehr weit raus, wenn wir sagen: Würden die aus London kommen, wären sie schon richtig richtig groß. Aber auch so wird das eine Band, von der man noch unglaublich viel hören wird. Und deshalb, liebe Leserschaft, solltet ihr diese Platte kaufen. Und zwar rapido. Ab 13. März auf Tour.

ATTERSEE: „Rampi Rampi“, Schallter/ monkey records 2019

Die schrägste Platte dieses Monats kommt aber nicht von irgendwelchen lässigen Jungspunden, sondern vom Altmeister, der zuletzt mit einem seltsamen Ski-Poster für einige Aufregung sorgte. Zum Auftakt der insgesamt 18 Songs gibt es das „Atterseelied“, dann singt der Künstler höchstpersönlich „Katzenweihnacht“ aus dem Jahr 1971. In der Tonart schlängeln wir uns durch Kitsch und Poesie, durch Schlager-Idylle, Pop, ironische Rock-Songs und Absurditäten aller Art. „Sie hieß Mary-Ann“, da steppt der Bär. Und wir müssen zugeben: Das überrascht jetzt ordentlich und kommt in seiner ungestümen Grandezza schon in die Nähe der musikalischen Werke eines Peter Weibel.

Warum das ganze jetzt erscheint, zumal in einer superscharfen Version mit rosa Vinyl (auf 300 Stück limitiert und um extraheiße 125 Euro exkl. UST und exkl. Versand!)? Weil man dem Attersee eine große Ausstellung widmet: „Feuerstelle“ im Belvedere 21, zu sehen vom 1. Februar bis August 2019. Und was man soll man sagen? Die Platte ist auf ihre Art große Kunst – 1000 mal spannender als die Atterseewurst oder das Busen-Plakat. Und es ist sogar völlig egal, ob man die Bilder von Attersee mag oder nicht: „Rampi Rampi“ gehört ins Museum des 20. und 21 Jahrhunderts. Sowie in jede wirklich ambitionierte Plattensammlung. Und zwar in der Sammlerbox. Trotz der 125 Euro.

SCARABEUSDREAM: „Crescendo“, Noise Appeal Records 2019

Wo bleibt der Noise? Da ist er. Oder auch nicht. Denn Hannes Moser und Bernd Supper machen keinen Lärm um des Lärmens willen, sondern zimmern einen schrägen Electro-Pop, der Klaus Nomi begeistert hätte und der interessanterweise so eingängig ist, dass man die Platte eigentlich bei ganz schön vielen Gelegenheiten hören will.

Sehr eigenständig, eigenwillig, mit Songs, die man auch nicht mehr so schnell aus dem Hirn bekommt. Und mit einem Klavier, dass einem die Tränen der Rührung in die Äuglein treibt. Vielleicht die Überraschung des Monats! PS: Für die Feinspitze gibt es eine Vinyl-Version mit Goldfolienprägung. Wer die Album-Präsi am 31. 1. versäumt hat: Am 2. 2. gibt es die Skarabäen in St. Pölten, am 1. 3. in Wien-Gersthof.

MUSIKCAFÉ PRENNER: „Raus aufs Meer“, Pumpkin Records 2018

Die Steirer waren natürlich auch nicht untätig, allerdings haben die fünf Herren aus dem Musikcafé diesmal mit fünf Songs das Auslangen gefunden.

Was wir 2014 hier geschrieben haben, stimmt immer noch: Klassischer Rock mit deutschen Texten, eine deutliche Seelenverwandtschaft mit den  Grazer Lokalheroen Love God Chaos würden wir auch diesmal konstatieren. Das ganze gibt es auf CD und auf Vinyl, wie von Pumpkin Records erfreulicherweise kultiviert.

Die nächsten Musikabende mit den Prenners: 20.3. Fernitz (Special Acoustic Set) und 10.4. Graz, Postgarage.

BRAINMANAGERZ: „Brainmanagerz“, Konkord Records 2018

Alles nicht so einfach: Die Brainmanagerz starteten erst einmal virtuell und künstlerisch, bevor sie jemals eine Bühne bestiegen. Ihre ersten Auftritte erlebten sie 2004 in einer Serie von Gemälden und Zeichnungen des bildenden Künstlers Stephen Mathewson. Ihre Heimat: Miami, Florida. Die reale musikalische Karriere der Band startete dann ein Jahr später im Wiener Club Celeste. Die Bandmitglieder begegneten einander allerdings schon in den 1990ern. 
Die Songs der Brainmanagerz schreibt Stephen Mathewson, der auch Gitarre spielt und singt. An der Leadgitarre ist Thomas Geldmacher, Sänger und Gitarrist der 90er Wiener Indie Band Nar Malik, an der Trompete der Doktor der Philosophie David Quigley zu hören. Schlagzeug spielte auf den Aufnahmen der bildende Künstler Dieter Preisl, der  2016 völlig unerwartet verstorben ist. Am Bass und an den Backing Vocals: die hier immer wieder gern gefeierte Eloui. Was darf man erwarten: Knarzigen Rock’n’Roll der US-Schule. Laut, schnörkellos, mit dem ganz speziellen Gitarrensound, den Leute wie Dinosaur Jr. zu Weltruhm gebracht haben. Nach vielen Jahren der ausschließlichen Bühnen-Präsenz endlich was Greifbares. Echt und gut!

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