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Geschichtenbuch des Monats

Robert Fröwein: „Ein Leben voller Abzweigungen. Taxifahrer aus aller Welt über ihr Leben in Österreich“. Leykamverlag* 2021

 

Fröwein, der Uber-Süchtler und seine Notizen.

In der Covid-Zeit 2020/21 war Seltsames zu beobachten: Menschen mit geringem Sportdrang fingen mit dem Laufen an, Jugendliche schlichen in den Wald und machten heimlich Partys wie zu Connys und Peters Zeiten und manche schrieben Bücher, im besten Falle kein Covid-Tagebuch und auch keinen Bestsellerkrimi. Dem seit einigen Jahren in Wien lebenden Musikredakteur und GAK-Freak Robert Fröwein dürfte es wohl auch ein bisserl fad gewesen sein, er verbrachte die notgedrungene Schaffenspause unter anderem mit Fahrten im Uber, und redete mit den Chauffeuren über Allerlei. Dies schien zu einer gewissen Sucht geführt zu haben, den Fröwein legt nun sein Buch „Ein Leben voller Abzweigungen“ vor.

Eine Buchung des Fahrtendiensts Uber ist wie jede andere Taxifahrt immer ein gewisses Glücksspiel. Man bekommt einen Fahrer und der Fahrer bekommt einen Gast. Sehr rasch ist das Auto bei Fröwein. Der Autor nutzt die ersten wortkargen Meter, um dem Leser kurz über das Wetter und die Jahreszeit zu berichten, die immer polierten Kutschen zu loben, die sauberen Innenräume und natürlich die Fahrkünste des Dienstleisters, als würde man sich auf einer Fahrt zum Opernball mit einem Bentley und nicht mit einem Ford Mondeo am Gürtel befinden. Aber das passt schon so. Fröwein liebt es, herumgeführt zu werden und kommt mit den Fahrern langsam in einen Dialog. Als Leser erfährt man, aus welchen Ländern die Fahrer ursprünglich kommen und dann eben marschiert das Gespräch in verschiedene Richtungen. Der eine quatscht, warum er gerne in der Nacht fährt und der andere, warum er gerne in Wien bzw. in Österreich lebt. Dazu erzählt der eine über die Familie, seinen Ex-Job als Türsteher und der andere über schwierige Fahrten mit Rauschkindern in der Nacht oder Rapid-Fans mit Wampe. Natürlich auch über die harten Jobs vor Uber, am Bau oder als Paketzusteller und über den verpflichtenden Taxischein. Fröwein stellt hier, relativ entspannt, ein anderes Österreich vor, Menschen aus fernen Ländern, die hier arbeiten. Ein Mosaik zwischen Afghanistan und Algerien entsteht. Natürlich ist (wie üblich) die letzte Geschichte die größte, da geht hübsch der Film ab. Zugleich zeigt das auch, wie schwierig es ist, wirklich an Storys zu kommen.

Die Fahrten sind mehr oder minder wie eine ‘45er Single. Die eine gefällt einem besser, die andere weniger, die eine ist tiefgründiger, die andere eher oberflächlich. So wie Fröwein drauf ist, so wie der Fahrer es will. Es gibt ja in Wahrheit auch nicht viel zu erzählen, denn auf eine Zigarettenlänge leert keiner einem ein Herz aus und Fröwein bohrt zum Glück auch in keinen Seelen herum. Durchaus möglich, dass potentielle Leser nach der Leseprobe genug haben. Anyway. Die Fahrer arbeiten prinzipiell gerne und der Autor lässt das Ding laufen. Feine Sozialreportagen, auf Wunsch ohne Kronehit-Radio, dafür mit tollen Storys und mit Uber. Das hat etwas leicht Verwegenes. Vor 50 Jahren ist William S. Burroughs noch im Needle Park in N.Y.C. seinen Junkies nachgelaufen und schrieb das nieder, Bukowski tippte promillereiche Kurzgeschichten und der geniale Jörg Fauser schrieb ganz gerne über das horizontale Gewerbe, das im Prinzip ebenso eine Dienstleistung wie eine Uber-Fahrt ist: Man trifft sich, zahlt, hat Sex, trinkt vielleicht noch etwas, raucht eine und trennt sich wieder. Bei Fröwein, ein halbes Menschenleben später, trifft man sich auf eine Taxifahrt, quatscht, zahlt (via App) und sieht sich nie wieder. Die Spannung scheint vor der Fahrt am stärksten zu sein. Wer wird der nächste Fahrer? Vermutlich hat es auch Leerläufe geben, wie alles im Leben. Doch manch ein Fahrer hat seine Story parat. Fahrerinnen gibt es noch nicht. Die Nächte sind zu gefährlich. Mitleid ist bei Fröwein ausgeschlossen und das ist gut so. Beim nächsten Lockdown könnten ineinandergreifende Storys eine Herausforderung sein, mit einem Plot im Hintergrund, so Raymond-Carver-mäßig, das wäre ziemlich viel Arbeit oder Fröwein klemmt sich selbst hinter das Steuer und schreibt die andere Seite.

Rezension: Martin G. Wanko

 

* Disclaimer: Der Haubentaucher-Herausgeber war am Rande in die Entstehung des Buches eingebunden. Der Gastrezensent nicht. Herausgeber, Rezensent und Buchautor eint allerdings eines: Die Liebe zum großartigsten Fußballklub der Stadt. Wollten wir nur gesagt haben…

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