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Roman des Monats

Katharina Korbach: „Sperling“. Berlin Verlag 2022

Wie wir auf dieses Buch gekommen sind? Die Namen der Protagonist:innen waren banalerweise dafür mit verantwortlich. Dann ist aber auch auf dem rückwärtigen Umschlag eine klare Empfehlung von Clemens J. Setz zu lesen und der versteht bekanntlich etwas von Literatur.

Katharina Korbach ist denn auch mit Sicherheit eine der Entdeckungen der Saison, was den deutschen Sprachraum angeht. Sie ist gerade einmal 27 Jahre alt und schon eine wahre Meisterin von Stimmungen und Zwischentönen. Ihre „Heldin“, die Studentin Charlotte, beschreibt sie ebenso wie deren Gegenüber, den Dozenten Wolfgang, gerade so weit, dass unser Kopfkino sich den Rest ausmalen kann. Korbachs feine und distinguierte Sprache ist maßgeschneidert für die akademische Welt der beiden, die sich vor allem mit dem Werk von Proust beschäftigen. Doch auch die raue Wirklichkeit, die Weinbar, in der Charlotte arbeitet, die schroffe Welt ihrer Mutter, die Probleme in der Kleinfamilie der Gegenwart, zeichnet die Autorin in faszinierender Weise. Wenn der Dozent seine Studentin nachts beobachtet, zuerst aus dem Fenster über den Hof, dann in der eigenen Wohnung, bleibt vieles unklar, genau wie in der minutiös beschriebenen und doch diffusen Figur des Dr. Szabó. Die Geschichte ist voller Wendungen und Geheimnisse, der „Sperling“ liest sich spannend in all seiner Uneindeutigkeit. Die Autorin begibt sich ganz bewusst nicht in die Perspektive der „auktorialen Erzählerin“. Sie sieht zwar alles, auch das komplizierte Innenleben von Charlotte, doch scheint es, als würde sie die Motive der handelnden Personen selbst rätselhaft finden.

Es ist, wie Setz richtig feststellt, ein Großstadtroman, der allerdings nur kleine Ausschnitte von Berlin und Paris preisgibt. Es ist vor allem auch ein Buch, dessen eigenartige Dramatik einen stunden-, wenn nicht tagelang gefangen nimmt. Was für ein Debutroman!

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Foto: Haubentaucher.at

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