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Fußball- und Politbuch des Monats

DANIEL COHN-BENDIT: „Unter den Stollen der Strand. Fußball und Politik – mein Leben“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Februar 2020

„Fußball ist Teil unserer Kultur, kann sogar Kunst sein, er ist ein gesellschaftliches und manchmal sogar politisches Phänomen – und wenn er ‚unpolitisch’ ist, dann kann auch das politisch sein“, 

schreibt der Publizist, Schauspieler und Politiker Daniel Cohn-Bendit in seiner umfassenden, erfrischenden und persönlichen Fußball/Politikbiografie „Unter den Stollen der Strand“ und lässt damit durchblicken, wohin diese Lesereise führen wird.

Vielleicht kennt man die 1945 in Montauban (Frankreich) geborene Galionsfigur der 68er-Bewegung Daniel Cohn-Bendit als Politiker für die Grünen im Europäischen Parlament oder als Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt. Aber als Fußballfanatiker? Aufgewachsen ist Cohn-Bendit in einer jüdischen Familie abwechselnd in Frankreich und Deutschland. Folglich beschäftigt sich das vorliegende Werk sehr unterhaltsam mit seinem bisherigen bewegten Leben. Seine politische Affinität blitzt immer wieder elegant auf – während seine Erfahrungen und die gesellschaftliche Kritik umfangreich und abgeklärt die Leserinnen und Leser vorantreiben und im richtigen Moment wieder loslassen.

Es muss gleich mal raus: „Unter den Stollen der Strand“ ist ein wunderbares Fußballbuch mit herrlich historischen „Dribbelkunststücken“ und sprachlichen „Traumtoren“ – und hebt sich neben all den gewöhnlichen Politikbiografien und Sammelsurien über das runde Leder deutlich ab.

Cohn-Bendit hat inzwischen 17 Weltmeisterschaften selbst und die meisten davon persönlich vor Ort erlebt. Er ist lebender Zeitzeuge und hat legendäre Ballkünstler wie Pelé, Fontaine oder Socrates kicken gesehen. Beim Lesen spürt man seine Liebe zu den genannten Spielern bzw. zu seinen Lieblingsvereinen wie Frankfurt oder seiner Lieblingsnationalmannschaft Brasilien. Er überzeugt dabei mit Sprachwitz und scharfer Beobachtungsgabe. Die Leserinnen und Leser erfahren unter anderem, warum die ungarische Nationalmannschaft 1954 unschlagbar war, wieso die Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko (mit dem jungen Maradona) die schönste war und warum Frankreich 1998 nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft die positive Stimmung im Land nicht nutzen konnte. Ebenso beeindruckt die kritische Betrachtung nationalistischer Fußballanhänger und die Erklärung des „linken“ Fußballs, wo mehr Tore erzielt werden als man bekommt, keine Manndeckung vollzogen wird und die Möglichkeiten der einzelnen Spieler nicht beschnitten werden. Chapeau!

Der Autor hat damit einen vor Details strotzenden Fußballmikrokosmos konstruiert. Er überzeugt mit vielschichtigen Erzählungen und schafft es, seine Enttäuschung bezüglich der Entwicklung bei den WM-Vergaben (siehe Katar, Russland …) oder aktuelle politische Entwicklungen in Europa (AfD) pointiert zu formulieren.

Cohn-Bendit ist ein motivierter Beobachter und kritischer Betrachter. Der direkte Zug zum Tor bzw. die Entschlossenheit zu guten Geschichten stellen diese Biografie in ein besonderes Licht. Und wenn Cohn-Bendit behauptet: „Fußball ist Abenteuer“, dann ist ihm hier ein einmaliger Abenteuerroman gelungen.

Text und Bild: aL

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