DAS ORAKEL SPRICHT.
Eine poptheatralische Sinnsuche nach der Graphic Novel von Liv Strömquist, Schauspielhaus Graz
Wie bringt man eine zugleich farbenfrohe, geistreiche und gesellschaftskritische Graphic Novel auf eine Theaterbühne? Tendenziell wahrscheinlich gar nicht. Jedenfalls hat das noch niemand zuvor mit „Das Orakel spricht“ aus der Feder der Schwedin Liv Strömquist versucht. Welturaufführung in Graz, das gibt es auch nicht alle Tage. Zur Premiere erschien viel junges und jüngeres Publikum, das ein wenig auf die Probe gestellt wurde: Wie lange darf Theater heute sein, zumal ohne Pause? Es ging knapp über zwei Stunden und damit gerade noch gut.
Letztlich sehr gut sogar.

Und zwar aus mehreren Gründen:
Erstens. Das Stück, das hier erarbeitet wurde, ist genauso humorvoll, bunt und temporeich wie die grafisch-literarische Vorlage. Es ist eine Freude, den sieben Akteurinnen und Akteuren zuzusehen, die da auf der Bühne herumturnen, über eine dunkle Steilwand klettern, mit ihren Mobiltelefonen die Dunkelheit ausleuchten, sich ständig in neue Rollen und Dialoge stürzen. Die hingebungsvoll sterben auf, unter und neben riesigen gelben Smilies. Wenn man sich das Buch von Strömquist genauer ansieht, wird man entdecken, wie gut es dem Team* rund um Regisseurin Katrin Plötner gelungen ist, aus Zeichnungen ein Szenario in 3D zu machen. Eine wichtige Rolle bei all dem spielt die fetzige Musik von Benno Hiti, die diverse Jahrzehnte an Popkultur umspannt.
Zweitens. Das, was man hört und sieht, ist nicht nur spaßig, sondern auch schlau. Strömquist begibt sich auf die Suche nach menschlichen Ratgebern mit großem Einfluss (man könnte auch Influencer sagen). Das beginnt in der Antike und endet im heutigen Instagram-Feed. Adorno und Žižek kommen ebenso zu Wort wie das grausam zu Ende gegangene Orakel aus Delphi, der Promi-Astrologe Carroll Righter, der Manosphere-Propagandist Rollo Tomassi oder die Psychologin und Bestseller-Autorin Nicole LePera. Die letzten drei werden in ihrer Absurdität vorgeführt, dass es wirklich knusprig wird.
Der Streifzug durch Zeiten und Ratschläge folgt keiner Chronologie, das hält den Stoff lebendig und überraschend. Es geht um ewige Themen: Die Angst vor dem Tod, die sich immer weiter ausdehnende Selbstoptimierung („ich geh um 5 Uhr früh ins Gym“) und die einzig wirklich gute Empfehlung: „Folge keinem Rat“.
Es wäre unfair, einzelne Darstellerinnen und Darsteller hervorzuheben. Denn es handelt sich hier um eines der raren Theater-Erlebnisse, bei dem alle auf der Bühne gleichermaßen glänzen. Der hinreißende Stern mit Dreistreifen-Logo, die Ziege, die gerade noch Gott war, der fröhliche Tod, die Frau mit der überlangen Halskette, der einflussreiche Sternendeuter mit den immer gleichen Tipps und und und.
Vor den Vorhang: Oliver Chomik, Otiti Engelhardt, Anna Klimovitskaya, Thomas Kramer, Marielle Layher, Dominik Puhl und Luisa Schwab.
* Sowie Bettina Pommer (Bühne), Johanna Hlawica (Kostüme), Anna-Sophia Güther (Dramaturgie), Michaela Tatra, Raphael Ruff (Video) und Anton Oswald (Licht).
Wie bringt man eine zugleich farbenfrohe, geistreiche und gesellschaftskritische Graphic Novel auf eine Theaterbühne? Genau so!
Der Haubentaucher empfiehlt: Anschauen.
Und das Buch kaufen. Das gibt es im guten Fachhandel und an der Garderobe im Schauspielhaus Graz.
Weitere Termine:
14. 4., 22. 4., 13. 5., 15. 5., 28. 5., 30. 5., jeweils um 19.30 im Schauspielhaus Graz. Karten und Infos
Fotos: Lex Karelly