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Diverses Musik

Tonträger des Monats Juni / INT

LA PRIEST: “Gene”, Domino Records, VÖ 5. 6. 2020

Sam Eastgate, wieder einmal so ein vielseitig begabtes Chamäleon, wie wir sie hier – aus welchen Gründen auch immer – in regelmäßigen Abständen vorstellen dürfen. “Gene”, sein zweites Album unter diesem Signet, ist was ganz Besonderes. Der Mann, der vorher u.a. “Sam Dust” und eine Hälfte von “Soft Hair” war, bastelte sich über zwei Jahre eine Apparatur, der diese neue Platte gewidmet ist. Seltsam? Oh, yes!
“Gene” ist nämlich eine analoge Drum-Machine, die Eastgate aus allen möglichen Elektro-Teilen zusammenschraubte.

Die Platte nun wechselt zwischen schrägem Pop, metallenem Industrial, Halluzinations-Disco und abgespacten Funk-Elementen hin und her, enthält so viele Reverenzen, dass man sie hier gar nicht aufschreiben mag. Trotzdem ist das alles nicht etwa mittelprächtig aufgekocht. “Gene” ist vielmehr ein räudig-brillantes Electro-Unikat. Ein eigenwilliges und ganz schön großartiges Stück Pop-Kultur. Komplett aus der Zeit gefallen.
Aber vor allem: sehr cool!

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SPARKS: “A Steady Drip, Drip, Drip”, BMG, VÖ 15. 5. 2020 (CD und LP im Juli)

Wir legen uns jetzt fest: Die Sparks sind die seltsamste Band von da bis Kalifornien. Ron und Russell Mael gründeten die Sparks zu Beginn der 1970er Jahre in Los Angeles und begannen mit so etwas wie Glam Rock. Später wurden sie immer europäischer, feierten Disco und New Wave und gaben an, Gitarrenbands zu hassen (was natürlich nicht wirklich stimmte). Immer wieder gelang ihnen so etwas wie ein Kurzzeit-Erfolg, bald darauf gerieten sie wieder weitgehend in Vergessenheit. Seit annähernd 50 Jahren im Geschäft und trotzdem seit Generationen mit dem Prädikat “Geheimtipp” unterwegs, das muss man auch erst mal hinkriegen. Wäre spätestens 2017 allerdings fast vorbei gewesen, denn aus heiterem Himmel landete ihr Album “Hippopotamus” bei erstaunlich vielen (jungen) Menschen auf dem Plattenteller, in den Medien und – räusper – in den Charts.

Nach einem Gesamtüberblick gibt es nun wieder Neues. Und das ist von einer schillernden wahnwitzigen Größe, dass sich da ein paar Millionen Bands was abschneiden können. “Stravinsky’s Only Hit”, das gibt mal die Richtung vor. Vierzehn Songs aus einem Universum, das auch der irre Mr. Musk mit seinen Spaceships niemals erforschen wird. Wenn man auf der Suche nach einer Platte ist, die 50 Jahre Pop auf den Punkt bringt, ohne auch nur eine Sekunde “retro” zu sein, ist man hier genau richtig. Und wenn die Welt gerecht wäre, dann würde man den epischen Schluss-Song ab sofort vor jeder Trump-Pressekonferenz und beim Songcontest und überhaupt andauernd spielen:
“Please Don’t Fuck Up My World”.

Kostprobe gefällig?

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SCOTT MATTHEW: “Adorned”, Glitterhouse, VÖ 15. 5. 2020

Kommen wir nun zu einer bekannten Größe und einem unserer Allerliebsten. Scott Matthew, der Mann mit der Zauberstimme, hat mit dem dänischen Produzenten Jens Gad eigene Klassiker neu aufgenommen und in ein “zeitgemäßes Outfit” gepackt. Durch die neu entdeckte Poppigkeit geht an der einen oder anderen Stelle ein wenig die gewohnte Tiefe verloren. Andererseits ist die Platte genau deswegen von einer erfreulichen Leuchtkraft, die in trüben Zeiten genau richtig kommt. Apropos kommen: Wenn alles gut geht, beehrt uns der Meister Ende September / Anfang Oktober, so munkelt man. Die zehn Songs wird er in dieser Form dabei wahrscheinlich nicht aufführen, aber für die Zeit bis dahin ist “Adorned” eine veritable Sommerplatte für Anspruchsvolle.

Einen Anspieltipp haben wir hier für euch:

 

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DRIFT: “Symbiosis”, Tapete Records, VÖ 19. 6. 2020

Drift, das ist ein Projekt von Nathalie Bruno, die seit fünf Jahren Songs unter diesem Namen unter die Leute bringt. Einen Schönheitspreis gewinnt man mit dem Cover eher nicht, und nur schön ist auch die Platte nicht. Aber spannend!

Die erste Nummer dauert gleich mal 5:40 und endet nahe am Tinnitus. Warum auch immer, aber auch das ist sehr spacig wie so vieles im musikalischen Mai/Juni, vielleicht sehnt sich die Menschheit wirklich schon nach der Flucht ins All?

Ansonsten klingt das elektrisch, drum-lastig, voller Loops und hübscher Korg-Sounds. Und doch ganz anders als etwa Sam Eastgate weiter oben. Weil: auch ziemlich rau und ziemlich viel Kunst mit Rufzeichen. Und dann wieder setzt die Engelsstimme von Nathalie ein und das Kopfkino flüstert: “Twin Peaks”. Echt spannend!

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GARY OLSON: “Navy Boats”, Tapete Records, VÖ 29. 5. 2020

Das selbe Label noch mal, aber eine denkbar andere Ausrichtung. Gary Olson, den man von “Ladybug Transistor” kennen könnte, ist zumindest auf diesem Album ganz der Freund der ruhigen Töne. Das Album erzählt die Geschichte zweier Städte oder besser zweier Studios, so lässt er verlauten. Eines davon ist in Hayland in Norwegen, das andere in Flatbush, Brooklyn.Verträumter Chorgesang, harmonische Gitarren, der eine oder andere sanfte Streicher, eine Platte zum Runterkommen, zum Dahinschmelzen.

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