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Fanfiction des Monats

Judith Grohmann: „Sebastian Kurz. Die offizielle Biographie“, Finanzbuchverlag September 2019

Viel wurde schon gelacht und gelästert über dieses Werk. Wo Spott ist, da ist der Haubentaucher bekanntlich nicht weit. Also flink den Verlag angebettelt und an einem regnerischen Sonntag diesen politischen Liebesroman in einem Zug (naja) verschlungen. Was die Kritiker bisher verschwiegen: Das Buch hat nicht nur atemberaubend schwülstige Passagen und ein paar kleine Recherchelücken zu bieten, es ist auch in höchstem Maße literarisch. Das merkt man schon ganz zu Beginn, wenn man es merken will:

„Sonnenstrahlen bedeckten mein Gesicht, während ich hastig über das steinerne Pflaster auf dem Wiener Minoritenplatz huschte. In der Mitte dieses Platzes steht eine gotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Wir schreiben den 30. November 2016. Die Vorweihnachtszeit hatte begonnen. Draußen waren es sechs Grad. Ich hatte meinen Wintermantel angezogen und fror trotzdem ein wenig.“

Es gibt kein einziges Detail in der Wiener Innenstadt, das die Autorin zu erzählen vergisst. Ständig wird sie angelächelt oder aber jemand schaut nachdenklich. Schon auf der zweiten Seite erfährt man etwas, das man so nie erwartet hätte: „Ich sprach nicht gerne über mich selbst, denn als Journalist ist man zur Bescheidenheit erzogen.“ Sagen Sie das mal bitte den Kollegen Fleischhacker oder Rainer, liebe Frau Grohmann.

Kaum hat die Autorin uns erklärt, wie man in Österreich an Politiker herankommt, da steht der Held dieses Epos auch vor ihr. Nachdenklich, gar nicht ministeriell wirkend, bescheiden wie ein Journalist. Sebastian, bist du es wirklich? Man hätte ihn jedenfalls bei dieser Beschreibung kaum erkannt: „Diese dunkel-braunen Haare, die streng nach hinten gekämmt waren, und die kleine, spitze Nase, die aus seinem Gesicht hervorlachte. Der Mann, der hier lässig an der Türe lehnte, war fast einen Meter neunzig groß und von merklich dünner Statur.“ Was ihn neben seinem süßen Näschen noch auszeichnet? Er wirkt gedankenverloren. Aber komplett. Das ist dem Pressesprecher fast ein wenig peinlich und die Journalistin eilt von dannen. Kurz danach: Neuwahlen. Alle Hoffnungen ruhen auf dem jungen Macher, der beinhart sein kann, aber auch so sensibel. Da kann man auch als knallharte, unabhängige und bescheidene Journalistin dann schon mal die Contenance verlieren:

„Sollte es Österreich im Jahr 2017 mithilfe der Geschicke des jungen Bundeskanzlers gelingen, wieder zu einem angesehenen Entscheidungspartner in Europa zu werden – vielleicht sogar zum wichtigsten Entscheidungspartner in Europa – so wie es einst mit den Königen in der Habsburger Monarchie der Fall war, dann hätte Sebastian Kurz gewonnen.“

Wer so fundierte historische Vergleiche ziehen kann, der kann dabei auch ganz kurz den Überblick über die jüngere Vergangenheit verlieren. Im Eifer des Gefechts schreibt Grohmann vom Wahlsieger Schüssel, der mit der FPÖ im Jahr 2000 koalierte, was nur fast ganz richtig ist, wie schon der neunmalkluge Standard feststellte. Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings sagen, dass Grohmann wenige Seiten später die Geschehnisse richtig darstellt. Nach diesem an poetischer Kraft kaum mehr zu überbietenden Prolog nähern wir uns bereits dem biographischen Höhepunkt, dem ersten Kapitel, das den schönen Titel trägt: „Ein Kind aus dem Arbeiterbezirk“.

Wir schreiben das Jahr 1986 und Grohmann lobt erst einmal ausführlich Vranitzky (warum, weiß man nicht so genau) und greift dann zu einem Stilmittel, das vermutlich jeder Schreiberling schon ausprobiert hat. Auf Wikipedia das fragliche Jahr eingeben und dann einfach alles abtippen, was dabei herauskommt. Cary Grant stirbt 1986, Prince Charles und Lady Di eröffnen die Expo in Vancouver und Autorin Grohmann hat wieder gute zwei Seiten erledigt. Dann der Mittwoch, 27. August. Herr und Frau Kurz bekommen Nachwuchs und sind: „sehr glücklich“. Grohmann hantelt sich aber doch noch lieber ein wenig durch die Familiengeschichten der beiden (wieder etliche Seiten gefüllt), ehe sie dann Spannendes über die Eltern des künftigen Polit-Messias berichtet. Punkt 1: Es war Liebe auf den ersten Blick, alles andere hätte uns auch enttäuscht. Punkt 2: In der Wohnung des Josef Kurz gab es wenig Platz und einen Ölofen: „Mit einem kleinen Kanister ging Josef Kurz immer zu einer Tankstelle in der Nähe seiner Wohnung, um sich das Öl zum Heizen zu holen. Wenn sie bei ihm in Wien war, begleitete ihn Elisabeth.“ 

Damit wäre das auch endlich geklärt!

Sie haben sich aber bestimmt schon gefragt, wie die erste gemeinsame Wohnung der Eltern Kurz eingerichtet war. Halten Sie sich fest: Ikea! Und dann: „Knapp vor der Geburt entschied sich Josef, einen großen, bunten Teppich für das Wohnzimmer zu kaufen. Die Nachbarn im Haus halfen alle mit, den schweren Teppich in die Wohnung ins obere Stockwerk zu tragen. Es gab keinen Lift im Haus. Der Transport war mühsam, auch Elisabeth half – hochschwanger mit.“

Puh, gerade noch einmal gut gegangen, denn jetzt kommt schon der Kanzler in spe angerauscht. Die Geburt geht flott dahin, die Mutter findet ihn süß (logo!) und er bekommt einen Namen, der „schon im Mittelalter gebräuchlich war“. Nämlich? Sebastian!

Der Absatz, in dem Grohmann spekuliert, es hätte ja sein können, dass hier Johann Sebastian Bach Pate gestanden hätte, zählt übrigens zum Besten, das die deutschsprachige Literatur seit langem hervorgebracht hat. Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße, doch sie folgt mit feinster Poesie:  

„In diese berauschende, melodiöse Stadt der 1980er-Jahre wurde Sebastian Kurz also hineingeboren und so benannt, weil Elisabeth in Wahrheit einen Schüler in ihrer Klasse hatte, der ebenfalls so hieß und der sie zu diesem Namen inspiriert hatte.“ Na bummsti!

Noch wichtiger aber: Die Familie kommt fast täglich an der Politischen Akademie der ÖVP vorbei, womöglich wurden hier schon erste Kontakte gelegt. Und überhaupt: „Unterdessen entpuppte sich ihr Sohn als ein Baby, das auf der Überholspur fuhr.“ Man könnte über diesen Satz schmunzeln, aber in ihm steckt tiefe Wahrheit. Denn: Der kleine Basti kann mit wenigen Monaten gehen, ganze Sätze reden und vermutlich auch alle ÖVP-Obmänner der 2. Republik aufzählen. Und vor allem kann er supergut zuhören und wünscht sich jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte. Mama Kurz schickt den süßen Kleinen mit 3 Jahren in einen Privatkindergarten, dem sie „vollends vertraute“. Die Unsicherheiten des öffentlichen Bildungswesens sollte der grenzgeniale Zwerg noch früh genug kennenlernen. Der Papa versucht die Polit-Karriere noch mit Lego-Steinen zu verhindern, doch dies war vergebliche Liebesmüh. Der Bub ließ Mama und Papa einfach bauen und sagte ihnen höchstens an, was sie konstruieren sollten. Ein Macher eben, beinhart, aber doch sensibel. Respekt und Fairness lernte der junge Herr Kurz übrigens beim Judo kennen, man hätte es beinahe vermutet.

Auch während der Pubertät war er:
• aufmerksam
• angenehm
• ruhig
• gescheit
• ehrgeizig
• aktiv und motiviert
• humorvoll
• besonnen
• ehrlich
• gewissenhaft
• souverän
• tierlieb

Dennoch meldet sich Kurz mit 16 Jahren bei der ÖVP in Meidling und will mitarbeiten. Nur: Die will ihn gar nicht. Wie traumatisierend das gewesen sein muss, erspart uns die Autorin glücklicherweise. Und es gibt ja eh ein Happy-end mit der senilen Volkspartei und dem juvenilen Herrn Kurz. Bei der JVP in der Wiener Innenstadt nimmt man ihn auf und schaut gebannt zu, wie er sich wieder auf die Überholspur drängelt. Matura mit Vorzug, Präsenzdienst beim Gardebataillon, Jus-Studium. Doch dann verliert Papa Kurz den Job und Sebastian muss kellnern gehen. Das mit dem Studium wird aber vor allem deswegen nicht weiter verfolgt, weil Kurz Karriere in der Partei macht. Dynamisch, leger und vor allem „im offenen Hemd“. Zu viel sexy ist aber auch nicht gut, muss der junge Draufgänger lernen, als er für eine „geile“ Verkehrskampagne von den Sozis gebeutelt wird. Hat er aber eh „bravourös abgeschüttelt“, die humorlosen Kritiker und -innen. Also noch flott das „Geil-o-mobil“ erfunden, aber trotz all der Erregung wird es einem beim Lesen jetzt leider ein bisschen sehr fad.

Hat die Autorin die Begeisterung am Objekt der Begierde verloren? Es geht um Politik und um Josef Pröll, beides eher unterdurchschnittlich unterhaltsam. Und die Freundin des späteren Kanzlers darf nur kurz durch die Biographie huschen, während es schon wieder weiter geht mit dem unaufhaltsamen Siegeszug. Kapitel 2 widmet sich dem Aufstieg zum Staatssekretär. Kurz habe das Amt zuerst abgelehnt, doch VP-Chef Spindelegger habe ihn überredet, schreibt die Autorin. Die darauf folgende Entrüstung vieler Medien: Ein Sturm im Wasserglas. Nur das wiederum offene Hemd bei der Angelobung, das lässt das Blut der Autorin noch einmal kochen.

Als Wendepunkt sieht sie ein Interview von Kurz bei Armin Wolf in der ZiB 2. Da sei der Junge so souverän gewesen, dass anschließend die mediale Berichterstattung umgeschwenkt sei. 2012 dann bricht sogar Euphorie aus, aber wirklich lustig wird es nicht mehr. Man ist auf Seite 62 und sehnt sich schon sehr das Ende herbei. Aber zuerst muss Kurz erst einmal Außenminister werden. In der Folge wird das Buch vor allem eines: Das Gegenteil von kurzweilig. Wahrscheinlich haben die meisten hier aufgegeben, aber wir – angesteckt von Sebastians Arbeitsethos – beißen uns weiter durch. Was auffällt: Viele Quellen hat die Autorin hier nicht gerade zu bieten, von einer breiten Unterstützung durch die Türkisen kann wohl eher nicht die Rede sein. Das Buch ähnelt dann auch über weite Strecken einer reinen Nacherzählung, die aus Medienberichten gespeist ist, nicht aus spannenden Berichten des Protagonisten.

Die „Flüchtlingskrise“ meistert Kurz souverän, wie sonst. Merkel hingegen? Gut gemeint, aber schief gegangen. Die Darstellung subjektiv zu nennen, wäre glatt untertrieben. Das liest sich beispielsweise so: „Bis dahin wurde der österreichische Außenminister Sebastian Kurz ständig nicht nur von zahlreichen Medien, sondern auch von Politikern, für seine vorausschauende Haltung kritisiert.“ Klar, wo eine Katastrophe droht, da versagt die Poesie. Und auch die Detailverliebtheit, die Grohmann noch am Anfang des Buches bewies, gerät nun ins Hintertreffen. Mitterlehner tritt, ganz offensichtlich supergenervt von Kurz, zurück. Doch Grohmann geht kaum auf die Intrigen des aufstrebenden Jungkanzlers ein, sondern schildert lieber Mitterlehners private Probleme. So, aber nun ist es ja endlich soweit: Kurz wird Kanzler.

Zuerst muss er nur noch die VP umfärben: „Das Innere des Design Centers war in zartes Türkis getaucht, der neuen Farbe der Volkspartei, die davor Pechschwarz gewesen war.“ Dann sich schnell eine zarte Generalvollmacht sichern und auf der Überholspur die Wahlen gewinnen. Wer, wenn nicht er? Bewunderswert übrigens, wie man aus jeder rhetorischen Mücke einen weltberühmten Elefanten machen kann:

„Mit dem Satz »Ich wollte definitiv nie Berufspolitiker werden«, hob er sich von vielen seiner Mitstreiter, vielleicht auch den internationalen, sehr ab.“ 

Räusper…

Die Wahlen sind gewonnen und die Autorin läuft erfreulicherweise wieder zu alter Form auf:

„Und dann betraten zwei Männer den Raum. Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache marschierten zügigen Schrittes zum Podium, flankiert von ihren beiden Sprechern und einigen Kameramännern und Fotografen. Harmonie lag in der Luft, denn sie trugen beide dunkelblaue Anzüge.“ 

Damit aber nicht genug:

„Sebastian Kurz hatte eine dunkelblaue Krawatte mit kleinen silbernen Punkten ausgesucht, während Heinz-Christian Strache für diesen wichtigen Tag ein bordeauxrotes Gegenstück gewählt hatte.“ 

In der Folge brilliert sich Kurz durch die Medien und die internationale Politik und lässt sich auch vom mühsamen Koalitionspartner nicht entzaubern. Alles super bis auf die vorzeitige Alterung: „Sebastian Kurz hat mit seinen knapp über 30 Jahren bereits das Auftreten eines erfahrenen, 65-jährigen Diplomaten: Er ist rhetorisch geschickt und von natürlicher Freundlichkeit. Er besitzt ein großes Talent, den Menschen zuzuhören. Er arbeitet hart und ist eloquent.“

Außerdem versteht er Instagram, die jungen Menschen, das Ausland und Marketing. Er bleibt bei all seinen Erfolgen stets bescheiden und – eh klar – souverän. Wir sind auf S. 208 und endlich, endlich kommt Ibiza. Da setzt nun wieder eine große Nacherzählung ein, an deren Ende Kurz zum Kurzzeit-Kanzler wird. Das Misstrauen haben sie ihm ausgesprochen, die bösen Roten und die blöden Blauen, aber er begegnet all dem – souverän:

„Er beschloss instinktiv in diesem Augenblick, aus seinem Sessel aufzustehen und verabschiedete sich gemeinsam mit seinem Team, seinen ehemaligen Ministern, winkend vom Plenum. Erhobenen Hauptes schritt er aus dem Plenarsaal. Er wusste, dass er sich in den nächsten Tagen intensiv auf den Wahlkampf vorzubereiten hatte. Fürs Aufgeben hatte er jetzt keine Zeit.“ 

Wir hätten eigentlich eh auch keine Zeit mehr, aber leider liegen noch zwei Kapitel vor uns und wer wird denn jetzt aufgeben? Also strudeln wir uns noch durch die internationalen Erfolge und lesen, dass man nun auch in anderen Ländern weiß, dass Kurz gern mit offenem Hemd unterwegs ist und „hinter einem Schreibtisch arbeitet“. Deutschland lobt, die USA ist begeistert, der Osteuropäer freut sich sowieso. Schwarzenegger ist genauso Kurz-Fan wie der Google-Boss und Netanjahu? Mit dem gibt es sogar echte Freundschaft. Und noch eines ist erwähnenswert und wird den geschassten Kanzler sicher freuen: „Er war plötzlich mit 32 Jahren der jüngste Altkanzler der Welt.“ Das kommt davon, wenn man schon als Baby auf der Überholspur unterwegs ist, möchte man der Autorin an dieser Stelle gerne zuraunen.

Kurz öffnet noch einmal das Hemd und entfernt die Krawatte, denn jetzt geht es ins Finale des Buches: Der Wahlkampf. Während die anderen Parteien zu „Dirty Campaigning“ greifen, bleibt Kurz was? Souverän. Er hört den Menschen zu, geht wandern, verströmt Freundlichkeit. Wir sind nun beim Epilog angelangt, wo ein paar wichtige Fragen gestellt werden: Wie wird es weitergehen? Was kommt nach den Wahlen? Wir wissen es nicht, die Autorin vermutlich auch nicht. Also weiter zur Danksagung. Kurz himself, seinen Mitarbeitern, den Eltern, Journalistenkollegen wird da dankgesagt. Und dann ist es aus. Einfach so. Wie traurig…

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