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Buch des Monats Dramen, die das Leben schrieb

Musen-Buch des Monats

Iris Hanika: Wunderwaffel Wunschbewaffnung oder Man müsste Kafkas Humor haben, um das alles auszuhalten. Eigenverlag 2026, 142 Seiten

Russlands offener Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 wurde von vielen als Zäsur wahrgenommen, die den Frieden in Europa mit einem lauten Knall radikal in Frage stellt. „In einem fort, den ganzen Tag, von früh bis spät waren wir mit dem Krieg beschäftigt“, heißt es in „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“, dem neuen Buch der Berliner Autorin Iris Hanika. Im Herbst 2023 hatte sie sich mit dem Essay „Im Krieg schweigen die Musen“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu Wort gemeldet, danach gab es eine Sendepause. Ihr neues, zwischen Tirade,Pamphlet und Erzählung angesiedeltes Buch zeugt nun davon, dass die Musen der Autorin nur vorübergehend verstummt waren. Denn die literarische Auseinandersetzung mit dem Krieg gewinnt darin wieder gegenüber einer realitätsverhafteten Sichtweise die Oberhand.

Im Zentrum des vielstimmigen Textes stehen das Erzähl-Ich und ihr Lebensgefährte K., das „Kerlchen“. Um sie herum gruppieren sich Freundeskreise, mediale Meinungen und die zentrale Frage: Wie hältst du es mit der Freiheit angesichts der russischen Expansionsbestrebungen? Dass manche in ihrem Umfeld die Dinge weniger klar und nicht als Bedrohung des Lebens in Freiheit sehen, bringt die Erzählerin und ihren Lebensgefährten regelmäßig in Rage. Zugleich spaltet sich die Person Hanika, die mit dem FAZ-Artikel öffentlich Stellung bezogen hat, von der literarischen Figur in der „Wunderwaffel“ ab: Als „Wirkl-Ich“ bzw. „das Wirkl“ wird das Ich der Autorin in den Hintergrund verbannt und stattdessen ein literarischer Möglichkeitsraum eröffnet, der sich als „Wunschbewaffnung“ entpuppt. „Man bräuchte Kafkas Humor, um das alles auszuhalten“, heißt es im Untertitel. Tatsächlich schützt der groteske Humor die Protagonisten zumindest vorübergehend vor der Verzweiflung, die das imperiale Machtstreben der Atommacht Russland auslöst.

Konkret nimmt die Ich-Erzählerin an einer Selbsthilfegruppe ehemaliger Russlandliebhaber teil, die den Schock verarbeiten müssen, dass sich ihr geliebtes Russland als politisches Monstrum entpuppt hat. Aus dichterischen Alliterationen einer Teilnehmerin leitet sich das wunderliche Wortspiel „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“ ab. Und dank der Wortmeldungen der ukrainisch-russischen Svitlana gehören die Sitzungsberichte der Ex-Russophilen zum Witzigsten des Buches. Dabei werden Mythen wie die „russische Seele“ zerrupft: „Draußen huch, innen Pfusch.“ Die überwältigende Schönheit russischer Literatur, Musik und Kunst erscheint als Kehrseite der monströsen Alltagsrealität des Landes.

Am Ende beschließen die Erzählerin, ihr K. und ein befreundetes Paar, in Gestalt von Tauben in die Ukraine zu reisen und als gefiederte Abwehrkräfte in den Drohnenkrieg einzugreifen. So emanzipieren sie sich vom „Wirkl-Ich“ ebenso wie von der schnöden Realität. „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“ findet auf diese Weise eine artifizielle Stimme für den Umgang mit einer politischen Situation, die einen überwältigt. Und Iris Hanika stellt sich damit einmal mehr in die Tradition von Kafkas Bruder im Geiste Daniil Charms, der schon bei ihrem letzten Buch, dem mit dem Leipziger Buchpreis 2021 ausgezeichneten Roman „Echos Kammern“, Pate stand.

Text und Foto: Werner Schandor

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