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Musik

Tonträger des Monats April

Das ist nicht der Monat der kreischenden und brüllenden Gitarren, liebe Leserschaft. Aus irgendeinem Grund hat uns die Blues-Fraktion entdeckt und beschickt uns immer intensiver mit – interessanten! – Platten. Dazu kommt im April Indie-Pop, Singer-Songwriter-Stuff und auch das eine oder andere Sphärisch-Tanzbare. Beginnen wir mit:

JOEL HAVEA: „Setting Sail“, Tunetastic Records

Der in Tonga geborene Australier hat eine lange Reise hinter sich. Mit den beiden Deutschen Leo Lazar und Arnd Geise hat er sich zum Trio formiert und seine Zelte in Europa aufgeschlagen. Der Sound vereint schwungvollen Pop und gefühlvollen Soul und Blues und Funk (um nur einige Genres zu nennen), ist sanftmütig und verträumt, manchmal auch melancholisch bis nachdenklich. Die Platte wird mit jedem Anhören noch ein bisschen eingängiger und angenehmer. Ein bisschen zu intelligent und subtil wohl für das platte Formatkommerzradio, aber durchaus mit dem einen oder anderen potenziellen Hit an Bord (kleiner Wortwitz!). Guter Gitarrist übrigens, der Mann. Auf den Punkt gebracht: für Leute, die sich noch an den frühen und unverbrauchten Lenny Kravitz erinnern können, ist das hier genau das/der Richtige!

Live gibt es die Segelstunde am 23.4. im Gwölb in Hartberg, am 24.4. in der Scherbe in Graz, am 25.4. im Lendhafen Cafe Klagenfurt, am 26.4. bei den Sofar Sounds Sessions in Wien, am 27.4. im Sneak Inn Wien und am 28.4. Fümreif in St.Georgen (OÖ). Und wer nirgendwo an genannten Orten wohnt, schaut sich das ganze jetzt einfach mal im Internet an:

MATTHÄUS BAR & POLKOV: „Nichts für Kinder“, Phonotron 2017

„Er ist der Frank Sinatra der Kinderunterhaltung“, verrät die Presseinfo. Aha und wir dachten, das sei Ed Sheeran. Spaß beiseite, das hier ist heiter genug. „Wir wollen keine Mäuse und auch keine Kröten“, singt Herr Bär mit lieblicher Stimme und zeigt damit schon im Ansatz sehr schön, wie er spielerisch Metaphern so durch die Lüfte jonglieren kann, dass Jung und Alt eine wahre Freude damit haben. Man sagt, seine Konzerte seien bestens besucht und immerhin stieg der gerade zitierte Song „Kohle“ auf Anhieb in die österreichischen Indie-Charts auf Platz 13 ein. Ob das jetzt wirklich (k)eine Platte für Kinder ist, lassen wir mal dahingestellt. Aber schön ist es auf jeden Fall, wie viel Freude und Leichtigkeit der Bär samt der bewährten Indie-Band Polkov auf eine EP gepresst hat.

Live gibt es den ganzen Spaß am 4. 4. im Wiener WUK, am 7. 4. bei Radio Helsinki in Graz, am 27. 5. in Oslip und am 22. 7. beim Acoustic Lakeside. Supernette Grafik! 

B.O.X.E.R: „Opium“. 2017, digital unter https://boxer.to/music–2

„Jenseits des Mainstreams“ sagt der Pressetext und das würden wir nun nicht zu 100% unterschreiben. Aber einigen wir uns auf: Voll im Trend, jung und schön – und dabei durchaus vielschichtig. B.O.X.E.R. verbinden Disco und Electro mit Kunst und Mode. Kein Wunder: Sowohl Anna Maria Nemetz als auch Jan Ole Jönsson haben Fashions Shows als Models mitgemacht. Anna Maria war unter anderem mit Klamotten von Lagerfeld, Joop oder Givenchy zu sehen, Jan Ole war vor allem auch Teil der Hamburger Elektro-Punk-Band Caracho. Die stylisheren unter den Musik-Blogs, TV-Shows wie GNTM und Fashion Magazine lieben die beiden daher bereits heiß und inniglich. Wir würden das außerhalb eines angenehm düsteren Clubs deutlich nach Mitternacht eher nicht auflegen. Manches klingt nach Energieschub für den Dancefloor, anderes erinnert doch ein wenig an die besseren Nummern beim European Song Contest.

DER ARNE UND DIE ANDEREN: „Magnete und Konserven“, Hoanzl 2017

Arne Lechner (Gesang und Gitarre) ist Arne. Die anderen sind: Mathias Krispin Bucher (Bass, Gesang, Moogbass), German Schwarz (Drums) und Heli Mühlbacher (Gitarre). Das ganze geht von Wiener Singer-Songwriter Wurzeln aus, bleibt zwar deutschsprachig, wird aber ziemlich rockig. Eine seltsame, aber sehr schöne Angelegenheit. Wird jetzt eher kein Nachfolge-Hype zu Wanda oder Bilderbuch, ist aber gerade deswegen auf keinen Fall zu übersehen. „Unverwechselbar“ wäre wohl ein gutes Etikett. „Aus der Zeit gefallen“ vielleicht ein anderes. Ausgesprochen solides Indierock-Handwerk ohne Glamour-Attitüden. Einfach und schön! Am 20. 4. im Chelsea Wien, am 1. 5. in Kapfenberg und am 5. 5. in Leitersdorf.

WALTER PUCHER: „Regn ohne Wossa“, Tschin Bumm Records 2017

Walter Pucher ist Dichter und kann ausgezeichnet Gitarre spielen. Beides zeigt seine neue CD beim Liebhaberlabel Tschin Bumm sehr schön. Westerngitarre übrigens und Fingerpicking als primär eingesetzte Technik. „Schau“ ist einer Nachbarin gewidmet, die offensichtlich besonders sehenswert ist. In „Oipmhauptkomm“ zeigt Pucher seine ländliche Herkunft. Die meisten Songs aber zeigen das Wiener Leben, wie man es auch von einem Sigi Maron oder einem Ernst Molden kennt. Pucher geht dabei einen eigenen reduzierten Weg. 1 Stimme, 1 Gitarre und sonst nix. Man darf dazu Blues sagen oder vielleicht auch Folk, ihm wird es wurscht sein. Und obwohl das jetzt nicht unsere prioritäre Lieblingsmusik ist, haben wir die Platte dann doch schon beim ersten Durchgang schätzen gelernt. Gut, dass es auch ohne Bombast und ohne fettes Marketingbudget noch irgendwie geht. Für Schnellentschlossene: Die CD wird am 31. 3. im Café Siebenstern in 1070 Wien präsentiert. 

LEO TASCHNER: „Weniger ist nix“ Lindo Records 2017

Weniger ist mehr? Ach: Nix! Meint Singer-Songwriter Leo Taschner. Ein bissl mehr als bei Walter Pucher gibt es jedenfalls, nämlich zu Gitarre und Stimme auch Akkordeon, E-Gitarre und sogar ein Chor. Intime Kenner der heimischen Musik werden ein bisschen Lassos Mariachis Sound heraushören, ist bei der produzierenden Firma Lindo jetzt auch nicht sooo überraschend. Mit „Leinen los“ schließt Taschner eigentlich ein bisschen an den oben genannten Kollegen Joel Havea an, musikalisch aber verbindet ihn sicher mehr mit Pucher und Arne. Klingt beim oberflächlichem Hinhören relativ leicht und dezent wienerisch, entfaltet aber bei genauerer Auseinandersetzung ein paar spannende Hintergründe. So ist im „Herz auf da Strossn“ die Arbeitslosigkeit und der Zwang, sich zu verkaufen, versteckt. In „Polarmeer“ ist der Abschied zentrales Motiv. In „Zuckerberg“ keimt Hoffnung auf. Eine runde Sache diese erste Solo-CD. Und dahinter: Ein eigenwilliger Künstler, der sehr oft im Wiener Raum live zu erleben ist – hoffentlich bald auch in südlicheren Breiten. Würde zum Beispiel gut ins Gwölb nach Hartberg passen…

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