„Die Nashörner“ von Eugène Ionesco im Schauspielhaus Graz
Der rumänisch-französische Autor Ionesco hatte den militanten Patriotismus, Rassismus und Faschismus selbst erlebt. Geprägt durch die Geschehnisse in Rumänien, in Nazi-Deutschland und später auch in seiner zweiten Heimat Frankreich schrieb er Mitte der 1950er Jahre eine Erzählung mit dem Titel „Rhinocéros“ und wenig später ein Stück, das seither Einzug in den Unterricht hielt und immer wieder als Paradebeispiel für „absurdes Theater“ gilt. Was daran absurd sein soll, hat sich Ionesco selbst auch immer wieder gefragt.
„Die Nashörner“ sind nämlich mit etwas Abstraktionsvermögen sehr realistisch und leicht zu interpretieren. Es geht um ein gewalttätiges System, das immer bedrohlicher und zugleich für viele immer attraktiver wird. Wie eben der Faschismus damals und leider auch wieder heute. Zuerst verwandelt sich der eine, dann die andere und schließlich sind die Nashörner in der Überzahl und terrorisieren die restlichen Menschen. Am Ende bleibt einer zweifelnd und verzweifelnd zurück.
Am Grazer Schauspielhaus wird dieser eine namens Behringer von Sebastian Schindegger nicht nur gespielt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert. In seiner Not widmet er sich dem Alkohol, dem Trübsinnblasen und der letztlich zum Scheitern verurteilten Liebe zu Daisy (Sarah Sophia Mayer). Regisseurin Ulrike Arnold lässt speziell zu Beginn noch ihren Sinn für Humor aufblitzen, den sie in Graz schon bei der „Minna“ und beim „Zerrissenen“ unter Beweis gestellt hat. Das Stück beginnt mit einer Szene in einem hellen Raum, der Durchgang ist zur Kleintierpraxis und zum Würstelstand. Da irrt Franz Solar mit einer Katzenbox wieder und wieder von links nach rechts. Da stehen und reden Behringer und sein Freund Hans (energiegeladen: Thomas Kramer), die Logikerin (Otiti Engelhardt) und ihr Verehrer (Oliver Chomik) miteinander, durcheinander und aneinander vorbei. Und wie sie so dastehen und reden und herumirren, da erscheint das erste Nashorn und drischt mit voller Wucht gegen die Wand. Wenig später erscheint es wieder – oder ist das bereits ein zweites Nashorn?
Im Büro versucht der Chef (wieder Oliver Chomik) seine Leute erst mal zu beruhigen. Behringer und Daisy berichten von ihren Nashorn-Sichtungen. Frau Stech (Anna Klimovitskaya) zitiert aus der Presse. Nur Wisser (äußerst skeptisch: Franz Solar) hält dagegen und behauptet, das sei doch alles Quatsch. Den Journalisten könne man sowieso nicht trauen, sagt er (den Satz kennt man aus der Gegenwart) und er als Volksschullehrer sei jedem Professor überlegen. Es dauert allerdings nicht lang und auch im Büro taucht ein Nashorn auf. Es ist der Kollege Ochs, der sich in ein Monstrum verwandelt hat. Es folgt Hans, der Freund des Behringer, der sich ebenfalls der militanten Bewegung anschließt.
Damit kommen wir zur Frage aller Fragen: Wie stellt man ein Nashorn auf der Bühne dar? Franziska Bornkamm (Bühne) und Anna Lechner (Kostüme) entscheiden sich inmitten eines hell erleuchteten weißen Szenarios für schwarzglänzende, massive und zugleich flexible Erscheinungen, die alles sein können. Monster, Waffe, Gespenst, Müllsack, Polster. Eine geniale Idee, die sich auch in späteren Szenen mit immer mehr Darsteller:innen bedrohlich anfühlt. Am Ende bleiben erst noch Frau Stech und Daisy an der Seite des Behringer in seinem winzigen Zimmer. Auch dieser Kubus ist eine hervorragende Idee, um das Ausgeliefertsein zu verdeutlichen. Schließlich ist Behringer ganz allein gegen die schwarzglänzende Bande und wir müssen uns fragen, ob er standhalten kann.
Und damit kommen wir zur zweiten Schlüsselfrage: Muss man diese „Nashörner“ gesehen haben?
Ja, weil sie schauderbar auf aktuelle Geschehnisse verweisen. In wie vielen Ländern rollen gerade wieder faschistoide Systeme auf die Bevölkerung zu? Wie gehen wir international mit dem erratischen US-Präsidenten um? Wie reagieren wir auf den Aufstieg der AfD? Und wenn deren radikal-populistische Chefin Alice Weidel den steirischen FPÖ-Landeshauptmann in aller Öffentlichkeit lobt, wie finden wir das?
Ja, weil die Inszenierung am Schauspielhaus überzeugt. Trotz mancher Längen. Und weil diesmal das gesamte Team zu loben ist, soll es hier auch komplett genannt werden.
Behringer: Sebastian Schindegger. Hans: Thomas Kramer. Daisy, Tierärztin: Sarah Sophia Meyer. Frau Stech, Imbissangestellte: Anna Klimovitskaya. Herr Wisser, Katzenbesitzer, Nachbar: Franz Solar. Chef, Freund der Logikerin, Nachbar: Oliver Chomik. Logikerin, Frau Ochs, Nachbarin: Otiti Engelhardt. Nashorn-Statisten: Mohsen Akbari, Stefan Kernbichler.
Regie: Ulrike Arnold. Bühne: Franziska Bornkamm. Kostüme: Anna Lechner. Musik: Florian Rynkowski. Dramaturgie: Herbert Graf. Licht: Thomas Bernhardt. Mitarbeit Choreographie: Mario Lopatta. Inspizienz: Otto Kolleritsch. Regieassistenz Madita Mönch. Ausstattungsassistenz Bühne: Franka Renner. Ausstattungsassistenz Kostüm: Anna Renate Ziener. Ausstattungshospitanz: Matthis Hoffmann. Soufflage: Laura Nogradnik und Stefanie Ziegler. Foto: © Lex Karelly
Die nächsten Termine: 21. 10., 27. 10. und 29. 10. Infos und Tickets: schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com