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Tonträger des Monats Dezember / INT

Ihr werdet euch vielleicht fragen, ob wir jetzt endgültig übergeschnappt sind. Als erste Platte des Monats gibt es gleich 2. Und das von 1 Band, die lediglich in den frühen 1980ern im Umfeld der sogenannten Neuen Deutschen Welle für Unruhe sorgte. „Sie frästen sich durchs Publikum“, schrieb Jürgen Teipel anlässlich des wieder aufgelegten Frühwerks sehr treffend. The Wirtschaftswunder war für eine sehr überschaubare Zeit eine der prägendsten deutschen Bands dieser Ära und eine von Haubentauchers absoluten Lieblingsbands damals. Daher starten wir so und nicht anders in den Dezember:

THE WIRTSCHAFTSWUNDER: „Preziosen & Profanes (Singles & Raritäten 1980-1981)“, Tapete  Records CD/LP/Digital, VÖ 26.11.21

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THE WIRTSCHAFTSWUNDER: „Salmobray“ (orig. Release 1980), Tapete Records  CD/LP/Digital, VÖ 26.11.21

Im Gegensatz zum schrägen und oft sinnentleerten Dada, der in der NDW immer wieder zu finden war, haben Wirtschaftswunder mehr zu bieten. Was wohl auch damit zu tun hat, dass das nicht einfach ein paar nette Milchbubis aus Hannover (siehe unten) waren. Sondern? Eine einzigartige Mischung aus geradlinigem Punk und sehr frühem Art-Rock, gemischt mit internationalen Einflüssen, die in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes bis dahin „unerhört“ waren. Gitarrist Tom Dokoupil stammte aus Tschechien. Keyborder Mark Pfurtscheller kam aus Kanada, Schlagzeuger Jürgen Beuth war Deutscher, Sänger Angelo Galizia („ich bin Analphabet“) ein in Limburg gestrandeter Sizilianer.Wer genau hinhört, findet da nicht nur Elemente, die man später wieder bei DAF serviert bekommt, sondern auch Sounds, die direkt aus dem Clash-Studio kommen könnten.

„Salmobray“ wurde in einem grummeligen Keller auf einem 4-Spur Rekorder aufgenommen. Neben dieser allerersten Platte mit 14 Nummern gibt es dann auf einer zweiten eine feine Sammlung an neun Mördersongs wie „Kommissar“ (hat 0,0 mit Falco zu tun). Wir sprechen hier eine ganz große Kaufempfehlung aus. Und zwar nicht nur für alte Säcke wie uns, die mit dem Wirtschaftswunder plötzlich wieder in die Spät-Pubertät abtauchen können. Sondern auch für die Jungen, die ihre Neubauten, Fehlfarben und Palais Schaumburg gehört und verstanden haben. Danke an die Tapete!

Foto: Harald Inhuelsen

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RICHARD DAWSON & CIRCLE: „Henki“, Domino Records, VÖ 26. 11. 2021

Es gibt da draußen welche, die Richard Dawson für einen der allerbesten und interessantesten Musiker der Gegenwart halten. Der Mann aus Newcastle legt hingegen wenig Wert auf Superlative, sondern geht unbeirrt seinen Weg. Das kann bedeuten, dass er über Agrikultur in vorindustriellen Zeiten singt. Das kann aber auch heißen, dass er sich mit einer der allerfinnischsten Bands zusammen tut. Circle haben mindestens so eine Schwalbe wie Dawson. Sie tragen auf der Bühne tote Fische. Singen in einer erfundenen Sprache. Und fallen selbst im diesbezüglich durchaus bekannten Finnland für ihre Skurrilität auf. Andererseits ist Circle „die beste Band der Welt – in jeder Kategorie“ für ihre Fans. Und: Sie passen stilistisch erstaunlich gut auf das Wirtschaftswunder. Circle selbst haben sich auch schon mal als New Wave of Finnish Heavy Metal (NWOFHM) bezeichnet und werden andererseits auch gern dem Krautrock zugerechnet.

Pekka und Julius Jääskeläinen, Jussi Lehtisalo, Mika Rättö, Tomi Leppänen und Janne Westerlund begannen die Arbeit mit Richard Dawson in Pori, einer finnischen Küstenstadt im Südwesten. Dann kam Corona und man musste sich trennen. Aber das Internet hielt die Freunde zusammen. Und so erscheint „Henki“ heuer als ein echtes Juwel in der Sparte psychedelischer Metalfolk. Für das Video, das Ihr lieben werdet, hat sich Dawson ein Duell mit Snooker Legende Steve Davis geliefert. Gebt es zu: Das ist super!

 

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ANDREW WAITE: „Andrew Waite“, VÖ 25. 11. 2021

War das jetzt unkonventionell genug fürs erste? Dann kommt jetzt Andrew Waite an die Reihe. Der Kanadier spielt einen euphorischen Rock, der gern ein bisschen orgelt und trompetet, er singt mit Inbrunst und das Motto lautet in etwa: „Aufgeben tun wir nur einen Brief“. Ob das noch Indie ist oder noch, sei dahingestellt. Jedenfalls macht es viel Schwung und heitere Laune. Irgendwo zwischen Blues Brothers Sound und Bruce Springsteen ist die Platte mit dem eigenen Namen angesiedelt. 10 Songs, die man immer und immer wieder hören will. Die sich super machen würden mit einem Bier in einer schummrigen Kneipe.

Eine Menge regionaler und nationaler Awards hat er bereits abgestaubt. Besonders seine Live-Qualitäten werden gerühmt und vielleicht schaffen es die rührigen Geister von Rola Records tatsächlich ihn mal nach Österreich zu bringen. Als kleine Kostprobe haben wir hier ein fröhliches Playmobil-Video für euch:

 

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DIE SKEPTIKER: „Geburtstagsalbum – Live Festsaal Kreuzberg“, 2 LP Destiny Records, VÖ 17. 12. 2021

Ich weiß ja auch nicht, was da los ist in diesem Dezember. Dass die große Retro-Welle aus Deutschland kommt, wird doch nichts mit plötzlicher Merkel-Nostalgie zu tun haben? Ach was: Die Skeptiker, 1986 in Ost-Berlin gegründet, wurden im Gegensatz zu Nina Hagen natürlich nicht auf „Angies“ Abschiedstour gespielt. Das wär dann doch etwas zu gewagt gewesen. Aber inhaltlich hätte es perfekt gepasst. Denn die Punk-Rock-Band haut bei diesem Platte-gewordenen-Geburtstagsfest im Dezember 2019 in Berlin ordentlich auf die Antifa-Pauke. Hier wird mit Full speed durch die Gegend gebrettert und statt gepflegtem Tango gibt es einen ungehobelten Pogo der Sonderklasse. Mit „Dada in Berlin“ hatten sie sogar so was wie einen Hit. Wer auch nur ein bisschen an deutscher Musikhistorie mit Biss interessiert ist, sollte hier zuschlagen. Die insgesamt 28 Songs zerstören jede Weihnachtsidylle in Sekundenschnelle. Herzerfrischend!

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BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS: „Endlich komplett betrunken“, Tapete Records VÖ 10. 12. 2021

Jetzt ist eh schon alles egal. Dann könnt ihr gleich noch eine unserer frühen Lieblingsbands (wieder?) kennenlernen. Bärchen war eine sehr frühe Punk-Pop-Band aus Hannover. Gegründet 1979, aufgelöst 1983. Lustigerweise wurden sie zeitweise auf Ö3 öfter gespielt als in Deutschland, was dazu führte, dass „Muskeln“ im Heimatland erst über einen Umweg (über das legendäre österreichische Label Schallter) veröffentlicht wurde. Die Band wurde im DDR-Underground genauso gern gehört wie im Umfeld der Ärzte, sagte jedenfalls Bela B. und der muss es wissen.

Es gab neben ein paar Singles nur eine LP und die findet sich mit der ersten EP neu gemastered auf „Endlich komplett betrunken“. Der Song „Jung kaputt spart Altersheime“ erlebte zigmal ein Revival, zuletzt als Klingelton. Im Jahr 2020 gab es dann in verkleinerter Milchbubis-Runde ein Comeback. Man wird sehen, ob die Bärchen auch nach der Pandemie live zu sehen sind. Die Platte jedenfalls weckt nicht nur Erinnerungen an die „No-Future“-Zeit, sondern zeigt auch schön, wie viel neben der Hitparaden-tauglichen NDW aus dem Kommerzradio sonst noch möglich war.

4 Antworten auf „Tonträger des Monats Dezember / INT“

klingt gut, willst du es gleich selbst rezensieren? Die nächste Ausgabe erscheint Mitte Jänner 2022. Ach ja: wir sind ein No-Budget-Projekt, aber das ist dir eh sicher klar. Rezension bitte dann an office@haubentaucher.at – danke!

Danke an den Haubentaucher. Ich selbst bin zum Schreiben wohl ungeeignet. Aber da Electronic releases bei Haubentaucher eher selten sind, dachte ich, das würde passen. In memoriam Rehberg, dem ehemaligen Mastermind von Mego.

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