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Musik

Tonträger des Monats

BERNHARD EDER: „Remake“, Tron Records / Hoanzl 2016

Eine ausgesprochene Frohnatur war Singer-Songwriter Bernhard Eder ja schon bisher nicht, aber das Cover-Album „Remake“ ist erst recht kein Grund für brachiale Heiterkeit und haltloses Schenkelklopfen. Die düstere Grundstimmung passt freilich perfekt zur Dunkelheit und Kälte draußen in der Welt. „I’m crying“ von Grace Jones ist ebenso zu finden wie „Never let me down“, einer der Tiefpunkte im Leben und Schaffen des großen David Bowie. Für alle, die gern jede Zeile Text verstehen, gibt es außerdem „Heite drah i mi ham“ von Georg Danzer. All das ertrinkt aber nicht in allzu eindeutiger Depression, sondern findet einen schönen melancholischen Ton. Das Album ist außerdem erfreulicherweise weit mehr als eine Aneinanderreihung von tollen Songs, es ist ein konsistentes Werk geworden. Die Coverversion ist bekanntlich ein heikles Unterfangen, an dem sich schon viele Musiker die Finger verbrannt haben. Bernhard Eder aber schafft es in überzeugender Manier, die 10 Lieder zu einem stimmigen Ganzen zu machen. Persönlicher Favorit ist der allerletzte Beitrag: „Slide away“ von Noel Gallagher, eine herzzereißende Rausschmeißer-Nummer, die mit himmlisch hellem Gesang dann sogar eine Portion Hoffnung vermittelt. Großes Kino!

Präsentiert wurde „Remake“ erstmals am 22. 11. im Radiokulturhaus in Wien. Jetzt geht es erstmal nach Deutschland. Und am 18. 2. 2017 ist Mr. Eder dann in Graz.

IT’S EVERYONE ELSE: „Heaven is an empty room“. noise appeal records 2016

Wer glaubt, bei der nächsten Partie ginge es fröhlicher zu, hat sich geschnitten. Wohl aber fahren Pika Golob und Lucijan Prelog aus Slowenien ein denkbar anderes Tempo als Bernhard Eder. Vollgas in die Kurve, kreisch! Synthies & Sampler und der Drumcomputer produzieren einen fetzigen bösen Sound, wie man ihn dieser Tage nur mehr selten zu hören kommt. „Digital Hardcore“ nannte das ein slowenischer Kollege. Dort, wo Grunge einst im Treibsand der Rockgeschichte stecken blieb, schalten Golob und Prelog den Elektroturbo ein – und starten durch. Irgendwie ist die Platte immer höllisch laut, wurscht wie stark man den Regler aufdreht. Mit anderen Worten: Sehr sehr geil!
Ach ja: Am 14. 12. spielen It’s everyone else mit den seelenverwandten Noisisten von Hella Comet in Wien. Und noch ein Hinweis am Rande: Von der Scheibe gibt es exakt 300 in transparentem orangem Vinyl. Eigentlich nur mehr 299, weil eine kommt in die Redaktionssammlung…

MANN AUS MARSEILLE: „Warte, bis es dunkel ist“. pumpkin records 2016

Die Vorgängerplatte („Warum Elite“, 2013) war ein echtes Highlight der letzten Jahre und wird auch heute noch ganz gern aufgelegt bzw. eingelegt in der kuscheligen Redaktionsstube. Der pumpkin-Pressetext erklärt die neue Scheibe zur „Winterplatte“: „Der thematische Überbau ist die Kälte, das Frösteln und Erstarren“. Zwischen Schlagergedanken, Schrammel-Rock und der einen oder anderen deutlichen Anleihe an den schrägen Sound eines Peter Weibel (Hotel Morphila Orchester) changiert die CD.Von fragil bis fetzig spielt sich der M.A.M (Mann aus Marseille) durch alle denkbaren popmusikalischen Aggregatszustände. Im weiten Land zwischen Düsternis und Dunkelheit gibt es aber dann doch auch den einen oder anderen Hoffnungsstrahl (siehe den Song Damokles). Und weil ja alle Welt (im kleinen Österreich) nach möglichen Nachfolgern für Wanda & Co. sucht: Hier wäre eine Band, die noch nicht jede/r kennt und die richtig gut und eigenständig und echt Indie ist – und die bestimmt kein Meet & Greet mit der Kleinen Zeitung machen würde. Übrigens: Es handelt sich um 5 Männer und aus Marseille sind sie nicht. Sondern aus Linz.

TENTS: „Under my wings“, Numavi Records 2016

Drei junge Männer, die die heimische Musikjournaille gerade entdeckt und prompt der Post-Punk-Szene zuordnet, haben ihr erstes Mini-Album mit sechs Tracks herausgebracht. Immerhin das „profil“ schrieb auch schon darüber, wobei die Infos generell allesamt recht spärlich sind. Da könnten die Tents durchaus ein bisschen mehr PR betreiben, selbst auf ihrer Facebook Seite erfährt man kaum etwas über sie. Dafür aber gibt es im Netz ein sehr hübsches Video, das freilich auch mehr verschleiert als zu erklären. Der beleibte Sänger im Bild ist natürlich KEIN Bandmitglied und der Disco-Synthie-Sound von „Anemone“ ist eher untypisch für die Tents. Speed-Metal ist das jedenfalls keiner und wenn überhaupt dann erinnert „Under my wings“ eher an die Zeiten als Goth noch Gruftie hieß. Einige der Nummern sind jedenfalls so cool, dass man wünschte, es gäbe das SKA in der Grazer Grabenstraße noch und man könnte beispielsweise dort „Paper Lace“ in voller Lautstärke abspielen. Sehr gelungen, Burschen!
Am 10. 12. im Grazer Sub, am 14. 12. im WUK und am 17. 12. in der Linzer Kapu.

THE DESOTO CAUCUS: 4. CD/LP/digital, Glitterhouse 2017

Zwar kommt die Platte streng genommen erst Ende Jänner des kommenden Jahres in die Stores, aber wir durften schon jetzt probehören und sind seitdem verrückt nach den vier Dänen mit dem seltsamen Namen und einem markanten Mix aus Percussions, Gitarren und Stimme. Wenn sie gerade mal nicht unter diesem Etikett durch die Weltgeschichte touren, sind sie übrigens mit dem grandiosen Howe Geld und seiner Band GIANT SAND unterwegs, auch nicht die schlechteste Referenz. Wie es zu dieser monatlichen Bestenliste passt, ist auch „4“, das neue Album, kein Hort von Jubel, Trubel, Heiterkeit. Es geht primär über Trennung, Verlust und andere ungute Dinge. Dies aber musikalisch mit Ausrufezeichen umgesetzt. „Opulent“ nennt der Pressetext den Sound. Aufgenommen wurde das ganze in einem früheren Pferdestall weit ab vom Schuss, ohne WLAN und sogar ohne Telefonanschluss. Post-Country? Rock? Einfach wahnsinnig lässig! 

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