Giuliano Musio: Aus anderem Holz. luftschacht, August 2026
Nachdem wir bereits vier Bücher des Italo-Schweizer Autors für gut befunden haben, zögerten wir nicht, auch dieses hier in Angriff zu nehmen. Zumal der Roman schon vor seinem regulären Erscheinen auf der Longlist für den deutschen Buchpreis landete.
Es ist ein origineller Stoff, nämlich eine verwinkelte Neuerzählung von Pinocchio. Der alte Geppetto springt von einer Absperrung hinunter ins Meer, als ein Geheimnis zum Vorschein kommt, das sein früheres Leben betrifft. Er überlebt, allerdings schwer gezeichnet. Sein Sohn Pinó entdeckt im Laufe der Handlung nicht nur seine eigene Geschichte in immer mehr unerfreulichen Einzelheiten, sondern wird auch der düsteren Taten seines Vaters gewahr. Es geht um Lügen, ohne dass jemandem eine längere Nase wächst. Es geht um Unfälle, Todesfälle, Terror, aber auch um die Liebe.
Nichts ist in diesem Roman, wie es scheint. Die Netten sind die eigentlichen Bösewichte. Die schlecht Gelaunten und Ausgestoßenen sind die eigentlichen Guten. Doch da ist noch einer im Schatten der Nacht unterwegs, der es auf Pinó und/oder auf Geppetto abgesehen hat.
„Aus anderem Holz“ ist ohne Übertreibung ein genialer Wurf, der sich nicht größer macht als er ist. Das Buch ist reich an Spannung, sprachlich vom Feinsten. Hypnotisch zieht einen die Geschichte in ihren Bann. Giuliano Musio ist einer, der so einprägsam, detailliert und stilsicher beschreiben kann, dass sich der Plot vor dem geistigen Auge lückenlos abspielt. Dass Musio längere Zeit in der Gegend um Bergamo weilte, um Land und Leute zu studieren, trug sicherlich einen nicht geringen Teil zum Gelingen bei. Da sollte die Short List auf jeden Fall auch möglich sein. Schön übrigens auch, dass der Autor dem Wiener Verlag luftschacht bislang die Treue hält.