Roland Gratzer: 4000 Jahre Niederlagen. Österreichs beste Geschichten vom Scheitern. Benevento Verlag 2026
Roland „Roli“ Gratzer, bekannt aus Funk und Fernsehen sowie aus dem Haubentaucher Podcast, hat ein Buch geschrieben. Das alleine ist schon erfreulich, verfügt der Mann aus der Oststeiermark doch über einen exquisiten Sinn für Humor und Ironie. Umso schöner, dass Gratzer keine österreichischen Jubelgeschichten gesammelt hat, sondern bittere Momente aus der heimischen Historie. Das ist sogar in Summe ein gut 5000 Jahre langes Dahingescheitere, dass es nur so kracht.
Der Autor beginnt mit dem Ötzi, der halt leider doch kein Österreicher wurde, auch wenn es so viele gerne gesehen hätten. Ist daran wirklich Reinhold Messner schuld? Wenn man Gratzer folgen will, dann ja. Ötzi selbst ist eher daran gescheitert, älter zu werden als Mitte 40. Aber daran war nicht er schuld, sondern ein Pfeil, der ihn am Rücken erwischte. Immerhin: Berühmt ist er trotzdem und in DJ Ötzi lebt er weiter. Rest in peace!
Während der Mann aus dem Eis bei seinem Auffinden ziemlich vertrocknet wirkte, war ein anderer berühmter Verlierer auch nach seinem Tod überraschend frisch. Der heilige Koloman, der in Stockerau gefoltert und getötet wurde, ließ der Legende nach rund um sein Grab alles sprießen und gedeihen und war selbst quasi das blühende Leben, nur halt in tot. Warum er wie der Ötzi auch über eine Grenze gebracht wurde und dann wieder retour kam, das erzählt Roland Gratzer ohne Umschweife, aber mit Schmäh und soliden Recherchen.
Welchen Verlierern und gescheiterten Figuren begegnen wir noch in diesem Buch? Königen und Bauernführern, einem erfindungsreichen Pfarrer, einem Oberst, der in Verdacht geriet, einigen wenigen Frauen wie der großen Diva Hedy Lamarr, aber auch Paul Kammerer, den wir als einen Vordenker des Seriellen schätzen.
Und vor allem: Einem Schneider, der zu einer Art Vorläufer für zahlreiche verunglückte Basejumper und andere Extremsportler sponsored by Red Bull wurde. Am Ende führt uns der Autor noch in die Untiefen der Song-Contest-Historie und zum legendären Raub der Saliera. Es muss schwer gewesen sein, aus all den österreichischen Niederlagen die seltsamsten und zumindest teilweise auch unbekanntesten heraus zu klauben. Gratzer hat das einzig Richtige getan und eine wilde subjektive Mischung zusammengestellt. Dass da viele fehlen, die wir erwartet hätten (Falco in der Dom Rep, Toni Pfeffer in der Halbzeitpause gegen Spanien, Putin-Fan Karin Kneissl, die Gräfin Herberstein, KHG u.v.a.m.), sollte man gelassen sehen. Oder, so wie ein anderer Rezensent es tat: Gleich mal Folge 2 einfordern. Geschichten gäbe es genug und wenn sie so spritzig und witzig, so lehrreich und zugleich abschreckend erzählt werden wie von Roli Gratzer, dann dürfte das nächste Buch sogar um einiges dicker werden als dieses.