Nikolaus Habjan: Herr Karl
Zum Auftakt einer inoffiziellen Habjan-Festival-Woche am Schauspielhaus Graz gab der Maestro des Puppenspiels zum Auftakt am 20. Jänner 2026 wieder einmal den Herrn Karl, einen Klassiker der österreichischen Selbstanalyse. Helmut Qualtinger und Carl Merz hatten das Stück als Monolog entworfen, legendär wurde auch die Verfilmung mit Qualtinger. Nikolaus Habjan hat bereits 2010 seine Bearbeitung in Wien auf die Bühne gebracht. In seiner Inszenierung sehen wir neben dem Herrn Karl auch einen zunehmend besoffenen Lokalgast und eine schräge Barfrau. Außerdem nimmt der Puppenspieler eine vergleichsweise aktive Rolle ein. Durch die Vervielfältigung der Perspektive wird der Herr Karl auch weniger zum Unikat, sondern zum Teil eines großen Ganzen, das schaudern lässt.
Die Puppen hängen an Haken und werden sie davon gelöst, kann es sein, dass sie vor Schmerz jaulen oder sich lautstark beschweren. Sie erzählen von der Zwischenkriegszeit, der NS-Herrschaft und der Zeit danach mit typisch Wiener Grant und Larmoyanz bis hin zum ausgeprägten Selbstmitleid. Ach, wie schön war es im Überschwemmungsgebiet mit den jungen Mäderln. Ach, wie hart war das Leben als aufrechter Österreicher in einer Epoche der deutschen Gewaltherrschaft. Ja, von wegen.
Nikolaus Habjan macht aus dem Stoff nicht nur eine bittere Abrechnung mit der Nazi-Vergangenheit, sondern er legt Österreich komplett auf die Couch. Das ist erschütternd und heiter zugleich. Habjan gelingt es damit auch, dem überwiegend sehr jungen Publikum im Schauspielhaus einen sehr guten Eindruck zu vermitteln, wie das „früher mal so war“. Mit einem deutlichen Hinweis darauf, dass sich manches durchaus in ähnlicher Form wiederholen kann.
Zudem reagiert er auf Husten und andere störende Nebengeräusche, ja er souffliert an einer Stelle sogar seiner Puppe, die den Text vergessen hat. Es ist, das muss man sagen, ein großes Vergnügen – besser gesagt: eine Ehre, an einem so wunderbaren Theaterabend dabei sein zu dürfen.
Mittwoch und Freitag dieser Woche gibt es einen weiteren Hit aus dem Hause Habjan: F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig. Auch dieses Stück ist absolut sehenswert und ergreifend. Am Donnerstag pfeift Habjan mit Klavierbegleitung durch Ines Schüttengruber Arien aus drei Jahrhunderten. Und falls es sich bei euch diesmal nicht ausgeht: Der Großmeister der Puppen kommt im März 2026 das nächste Mal nach Graz ans Schauspielhaus.
Foto: Lupi Spuma