GAK Austria Salzburg, 1. Mai 2004, 3:0
Wolfgang Kühnelt
102 Jahre sind reichlich.
1. Mai. Sektor 6. Der mit den ermäßigten Karten
unmittelbar neben den gegnerischen Anhängern. Wir
sind das Kanonenfutter der SMS-Zeit denke ich mir manchmal.
Hinter mir hat ein wahrer Experte Platz genommen, der
schon nach einer Viertelstunde weiß, wer der Beste
am Platz ist (Muratovic) und wer der Schlechteste (der
Salzburger Salgado). Der gute Mann hätte mit seiner
Analyse besser noch ein wenig zugewartet. Held des Tages
wird nämlich ein junger Kärntner mit schwer
zu bändigendem Dialekt und einer ebensolchen Strubbelfrisur:
Dollinger. Und die Rolle des Loosers teilen sich Winklhofer
(pensionsreif), Lässig (erst recht pensionsreif),
und Jank. Sie alle werden von Dollinger düpiert.
Aber beginnen wir von vorne.
Um 15.30 hieven die Fans im 25er-Sektor ein Transparent
in die Höhe 102 Jahre sind genug. Doppeldeutig
und doch einfach zu verstehen. Um 17.20 schlagen sich
im nahe gelegenen Salzburg-Sektor einige der angereisten
Fans gegenseitig die Köpfe ein. Soll uns nichts Schlimmeres
passieren. Dazwischen liegt ein strapaziöser Nachmittag
für fast 12.000 Menschen, die meisten in rot gewandet.
70 Minuten lang Bangen (Nein, nicht schon wieder
einen Salzburger ganz allein im Strafraum an den Ball
lassen!). Hoffen (Kollmann, du triffst heute!).
Zittern (Wenigstens ein Punkt, wenigstens ein Punkt!).
Wehklagen (Ich wär lieber nicht da...).
Ja und dann kommt Roland Kollmann und trifft. Und alles
ist wieder gut. Es ist ja so schön, GAK-Fan zu sein
und so bescheuert, Salzburger zu sein. Und ich bin auch
ein bisschen stolz darauf, viele Jahre durchgehalten zu
haben, während die Sturm-Anhänger und die Austrianer
und die Rapidler und sogar die Tiroler und die Salzburger
Meistertitel feiern konnten.
Als ich mich gerade über die drei Minuten Nachspielzeit
ärgere kommt dann Dollinger und macht ungefähr
das schönste Tor, das ich je von einem GAK-Spieler
gesehen habe. Ich habe es mir dann daheim auf Video aufgenommen,
am liebsten würde ich es mir ausschneiden und an
die Wand hängen. Zum Drüberstreuen trifft Bazina
noch mit einem typischen Bazina-Tor: schneller und gescheiter
als die Gegner.
Ein schöner Nachmittag und übrigens: 102 Jahre
sind genug.
GAK Austria Salzburg, 1. Mai 2004, 3:0
Martin G. Wanko
Weil ich ein Roter bin!
Tochter C. maulte. Dieses mal nicht zu unrecht, mussten
wir doch mit dem rechten Flügel der Salzburger Fangemeinde
die Bim teilen. Lonsdale, Fred Perry, Dr. Martens, kurzes
Haar und Bierbäuche sprangen uns in Auge. Unser
Ruf heißt: Sieg Heil! Muss das wirklich sein?
Vermutlich, weil die Dummheit nun mal Teil der menschlichen
Existenz ist. Glücklicher Weise stiegen sie wieder
aus, weil drei Jammerlappen keinen Platz fanden. Ewige
Schande über die Menschen, die aus den schnieken
Mods Glatzen machten. Natürlich Red Skins, aber wo
sind die? Soviel zur Populärkultur vergangener Tage.
102 Jahre sind genug! Das Transparent verschwand
dann auch gleich wieder. Passt eher zu einem Konkursantrag,
zum Beispiel von Salzburg (?), als zum werdenden Meister.
Meister durch das Kollektiv, wow, welch Erkenntnis! Vielleicht
spricht sich das auch einmal im Beamten- und Angestelltensektor
herum. Kollektive Jubelchöre, wie wäre das?
Kann man dem 25er Sektor also nicht übel nehmen,
dass jeder Gesang einmal verstummt, wenn das Oval nicht
übernimmt. Aber der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.
Der ödeste Spruch kommt so und so vom Stadionsprecher:
Hier regiert der GAK! Wie wäre es, dem
Gegner angepasst mit Mozart ist scheiße!,
dem Tabellenstand gemäß mit: Wir werden
Meister! Aber zumindest hat uns der Platzsprecher
nicht mit den undezenten Burger King Werbeeinschaltungen
belästigt. Die würde eine halbwegs vernünftige
Werbestimme, bei dem männlichen Fanüberhang,
eine Frauenstimme, glaubwürdiger über die Bühne
bringen.
Das größte Geschenk neben dem 3:0 jedoch war,
dass der Wirtschaftstalk ins Wasser fiel, zumindest nahm
ich ihn nicht wahr. Letztens: Gespräche über
den Grazer Strom. Ich meine, wo sind wir denn? Eben,
auf dem Platz! Der GAK ging einmal schon ziemlich baden,
als manchem Spieler die Föhn-Frisur wichtiger war
als ein Kopfballtor, und sich ein Manager dadurch auszeichnete,
dass sein Outfit ungefähr so teuer war, wie alle
Fetzten des harten Fansektors zusammen. Was ich damit
meine: Das GAK-Management sollte nicht mit aller Gewalt
versuchen, die Sympathien der Fußballfans zu sehr
zu strapazieren. Der Fußballplatz ist kein Wirtschaftsseminar.
Vielleicht schaffen wir es wirklich noch, mehr Rote als
Schwarze in Graz zu beherbergen. Das schafft man durch
Authentizität, und nicht durch peinlichen Firlefanz.
Im Idealfall durch drei Siege und einige Totenkopffahnen
aus St. Pauli. So schauts aus! In dem Sinne: Auf
die Roten!
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