11. Mai 2004

Der Haubentaucher interviewt Rudi Roth
In einem überraschend kleinen Büro empfängt uns GAK-Präsident Roth. Nur noch zwei Spiele in der Saison 2003/ 2004 und immer noch wirkt Rudi Roth zurückhaltend, konzentriert und sachlich. An der Wand vergilbt ein Erinnerungsfoto mit Thomas Klestil, daneben hängen Aufnahmen des obersten GAK-Fans mit Arnie, Zidane und Figo. Die enorm vielfältig bestückte Bar kann sich sehen lassen, bleibt aber angesichts der frühen Stunde unberührt.

Haubentaucher: Herr Roth, seit wann sind Sie eigentlich GAK-Fan? Waren Sie zuerst Spieler oder Anhänger?
Roth: Ich war zuerst Fan. Ich bin in Wien in die Mittelschule gegangen, war zwölf oder dreizehn Jahre alt und hab dort ein Spiel Austria gegen GAK gesehen. Der GAK hat 5:1 gewonnen, ganz sensationell. Seit damals bin ich GAK-Anhänger.

H: Wie wurden Sie eigentlich zum GAK-Goalie?

Mein Ziel war dann immer einmal beim GAK zu spielen. So kam ich über Gnas und Frohnleiten zu unserem Verein.

H: Und in Frohnleiten waren Sie – wenn die Legende stimmt – Mittelstürmer...
Ja, ich habe damals in der Landesliga eine halbe Saison gestürmt und fünf Tore geschossen.

H: Warum füllen wir in Österreich eigentlich kaum jemals ein Stadion?
Das liegt schon an der Erziehung, wenn man das so nennen will. Der Stellenwert des Fußballs in Österreich ist gesellschaftlich nicht so hoch wie in Deutschland, in Italien oder in England. Ich habe mir „100 Jahre Schalke“ angesehen und da war die Aussage von vielen Erwachsenen: „Wenn das Kind auf die Welt kommt, ist der erste Weg ins Schalke-Sekretariat um eine Mitgliedschaft für den Nachwuchs anzumelden.“
Bei uns glauben immer noch viele Eltern, am Fußballplatz wären „die Proleten“. Wir versuchen das vehement zu ändern, der GAK lädt viele Jugendliche ein, um zu zeigen, dass Fußball ein wunderschöner Massensport ist, wo man sich erholen kann, wo man feiert und wo man lernt, auch Niederlagen zu verkraften.

H: Während man bei der „GAK-Superstar“-Hymne ja eher Kopfweh bekommt, gelingt der Link zwischen Fußball und Popmusik in England.
Wir haben die Verbindung zwischen Kultur und Sport auch sehr gefördert, etwa mit dem Projekt der Intro Graz Spection im Casino-Stadion. Viele Künstler gehen auch regelmäßig zu GAK-Spielen, Alfred Kolleritsch etwa.

H: Es ist auffällig, dass Spieler und Manager in Graz nicht selten eine rot-schwarze Geschichte haben. Von Koschak über Schilcher bis zu Schachner oder Starek, von Brunmayr oder Dmitrovic gar nicht zu reden. Gibt es abseits der medial inszenierten Gegnerschaft viele Kontakte zwischen GAK und Sturm?
Wir haben ein ganz normales Verhältnis zu einander. Ich habe auch ein ausgeglichenes Verhältnis zum Präsidenten von Sturm. Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich allerdings zu ihm gesagt, ich möchte ihn am Spielfeld besiegen und nicht unter der Gürtellinie und ich bin bemüht mich daran zu halten.

H: Momentan erleben wir eine richtige Euphorie, wie es sie in der Form noch nie gegeben hat für uns Rote. Aber gehen wir zurück zu den dunkleren Zeiten. Was war denn für Sie die schlimmste Zeit als Fan, Spieler oder Funktionär?
Als Spieler war für mich am schlimmsten der Zwangsabstieg. Und das schönste war, dass wir dann sofort den Meistertitel in der zweiten Liga geholt haben und wieder aufgestiegen sind. Als Fan war für mich ehrlich gesagt die schrecklichste Zeit, als der GAK nach Kapfenberg ausgewandert ist. Und als Funktionär war es für mich sehr schwierig, das Amt des Präsidenten anzunehmen, weil ich das nie wollte. Als mich dann Peter Svetits von einem Tag auf den anderen verlassen hat und ich nicht wusste, was los war, war dann wahrscheinlich am härtesten für mich persönlich.

H: Sie waren beim letzten Derby im Fan-Block. An sich bestimmt ein gutes Gefühl für jemanden, der bei den eigenen Fans so beliebt ist. Aber: Wie fühlt sich der GAK-Präsident, der anti-rassistische Statuten verankert hat, wenn die „Uh, uh, uh“-Rufe der eigenen Fans gegen dunkelhäutige Spieler von Sturm zu hören sind?
Ich war zum dritten Mal hintereinander im Fan-Sektor bei einem Derby, nur hat sich bisher kaum einer dafür interessiert. Mir sind diese Rufe am Sonntag nicht aufgefallen, aber ich bin in jedem Fall vehement gegen Rassismus. Wir haben bewusst die Homeless Mannschaft unterstützt bei der Street Soccer WM und wir haben zum hundertjährigen Jubiläum einen entsprechenden anti-rassistischen Passus in unsere Statuten aufgenommen. Ich fühle mich als Kosmopolit, als Konsul von Ungarn, als einer, der in den USA studiert hat und als Unternehmer, der 70 Prozent des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. Mir ist klar, dass das ein hartes Stück Arbeit ist, aber ich werde mich weiter bemühen, in dieser Hinsicht auf die Fans einzuwirken.

H: Sie scheinen sich auch für Literatur zu interessieren, immerhin lesen Sie im Juni bei einer Kulturveranstaltung aus „Fever Pitch“ von Nick Hornby. Was liegt denn im Moment für ein Buch auf Ihrem Nachtkastl?
Ich lese vor allem Biographien, momentan eine über Schrempp.

H: Fast alle von uns leisten uns den Luxus, auch noch einen anderen sentimentalen Favoriten aus einem anderen Land zu unterstützen – bei mir ist es beispielsweise Rayo Vallecano aus Madrid, die leider wahrscheinlich in die dritte Liga absteigen müssen. Hat auch Rudi Roth eine Zweitmannschaft?
Mein Lieblingsklub war immer schon Real Madrid. Die haben mir immer schon gefallen. Nicht zuletzt deshalb war ich auch sehr glücklich, dass Real zu unserem 100-Jahr-Jubiläum gekommen ist. Von der Spielweise her würde ich allerdings im Augenblick zu Monaco tendieren. Ein starkes Kollektiv mit einem ausgezeichneten Trainer und Spielern wie Giuly.

H: Kicken Sie eigentlich noch selbst hin und wieder? Und wenn ja, auf welcher Position?

Ja, ich kicke ab und zu im Club Steiermark, für Benefiz-Sachen. Aber im Feld, nicht im Tor. Denn eigentlich taugt mir kicken viel mehr als im Tor zu stehen.H: Wer wird denn Europameister 2004?
Frankreich oder Tschechien.

H: Sagen wir, der GAK kommt international weiter. Hat man von den Erfahrungen bei Sturm gelernt?
Eines ist klar, ich würde nicht so viel Geld ausgeben für einzelne Spieler. Das habe ich mittlerweile gelernt: Man soll nicht Namen kaufen sondern Positionen. Ein Pogatetz, ein Dollinger oder ein Muratovic bringen Top-Leistungen und sind nicht so unerschwinglich wie so genannte Stars.

H: Sagen wir einmal, es wäre Weihnachten und eine gute Fußball-Fee gibt Ihnen drei Wunschspieler zur freien Wahl. Wen hätten Sie denn gerne?
Henry fiele mir sofort ein. Lampard wäre auch super und Giuly, der gefällt mir auch sehr. Das sind Leute, die spektakulär Spiele entscheiden können.

H: In Österreich gibt es ein Phänomen rund um den Fußball mit einer etwas eigenartigen Optik. Frank Stronach, der so gut wie alle Clubs irgendwann mit Geld versorgt hat, ist gleichzeitig Austria-Präsident und Chef der Liga, darüber hinaus interessiert er sich anscheinend auch für das Wettgeschäft. Ist diese Ämterkumulation aus Sicht des GAK okay?
Wir haben immer gesagt, er soll sich entscheiden, ob er Austria-Präsident sein will oder aber Bundesliga-Chef. Das ist nach wie vor schwierig, auch für ihn selbst und seine Mitarbeiter. Er bemüht sich sicher, da zu unterscheiden, aber einfach ist das nicht.

H: Eine knifflige Frage: Der GAK hat eine gemeinsame Firma mit der Styria gegründet, obwohl deren wichtigste Zeitung, die Kleine Zeitung, unter GAK-Fans als sturmlastig gilt. Wie einfach oder wie problematisch ist solch eine Partnerschaft?
Wir wollten einige Punkte beim GAK erreichen: Ruhe für die Arbeit im Verein, dann Professionalität – und hier haben wir uns einen Marketing-Spezialisten gesucht. Wir haben einige Angebote geprüft und uns für die Styria entschieden. Da gibt es aber eine scharfe Trennlinie zwischen der GAK Marketing GesmbH und der Kleinen Zeitung. Wir beschweren uns immer wieder, dass Sturm stärker vorkommt und bei Sturm sagen sie, die Zeitung sei eine GAK-Zeitung. Ich sehe das auch nicht problematisch, es gibt einfach keine Verbindungen zwischen dem einen und dem anderen.

H: Ich nehme an, Fußball-Klub-Präsident zu sein, ist aufwändig, aufregend und nicht immer angenehm. Andererseits kann man mit dem Kollegen von Real Madrid Abendessen oder mit der Mannschaft einen Titel feiern. Was überwiegt denn in Ihrer bisherigen Amtszeit: Mühsal oder Freude?
Ich muss ganz klar sagen: Es war nie mein Ziel, Präsident zu werden. Ich will für den Verein da sein, es soll nicht umgekehrt sein. Ich muss auch fairerweise sagen, wenn meine Ziele fürs erste erreicht sind, werde ich mich wieder in die zweite Reihe stellen. Ich sehe meine Aufgabe darin, dem Verein eine neue Heimstätte gegeben zu haben, eine Jugendakademie errichtet zu haben, ihm vielleicht einen Titel mit ermöglicht zu haben. Ich sehe mich nicht als Präsident des Liebherr GAK auf Lebenszeit.

H: Versuchen Sie einmal den GAK in drei Worten zu beschreiben – außer Grazer Athletik Klub.

Ja, Tradition. Stil. Und man muss auch sagen: Heimat für viele Fans. Heute hat mir ein Fan geschrieben, die ganze Familie schlaft nur mehr im GAK-Pyjama.

H: Etwas, das mit GAK-Geschichte eng verknüpft ist, ist das Stadion in der Körösistraße. Nicht gerade glamourös, aber mitten in der Stadt. Generationen von Fans aus der Gegend sind schon aus geografischen Gründen zu Roten geworden. Warum tauscht man das gegen ein Trainingszentrum am Rand der Stadt?
Ich bin stolz darauf, dass wir immer noch in der Urzelle des GAK sind, in Andritz. Auf dem alten GAK-Platz, wo ich selber viele Spiele bestritten habe, haben uns die Trainingsmöglichkeiten gefehlt. Wir haben durchaus überlegt, den Platz auszubauen, aber wir hätten maximal einen weiteren Platz dort untergebracht und das ist einfach zu wenig. Es gab keine Parkplätze mehr, das Haus war nur gemietet. In Andritz bekommen wir das modernste Trainingszentrum Europas, eine tolle Heimstätte, wo auch die Jugend gemeinsam mit der Kampfmannschaft Platz findet. Dieser Zusammenhalt ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Mir tut es auch leid um den alten Platz, aber irgendwann wären dort die Tribünen zusammen gebrochen. Und auf eineinhalb Plätzen kann man eine Bundesliga-Mannschaft heute einfach nicht mehr trainieren.


H: Zum Abschluss die unvermeidliche Frage, aber ein bisschen entschärft: Wer gewinnt am nächsten Samstag?
Ich nehme an, dass wir am Samstag den Geist und die Moral haben, um zu gewinnen.

H: Vielen Dank für das Gespräch...

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