POPKULTUR IM SEPTEMBER


Buch des Monats:
Joe McGinniss
„Das Wunder von Castel di Sangro"
erschienen im Ullstein Taschenbuchverlag

 



Ein amerikanischer Schreiberling verliebt sich im Gefolge der WM 1994 in den Fußballsport, speziell in die italienische Variante. Er wird zum Fußballverrückten, der den beschaulichen Urlaub in der Schweiz unterbricht und auf abenteuerlichen Wegen hunderte Kilometer reist, um einmal bei einem Spiel des AC Milan gegen Lazio Rom dabei zu sein. Bei seinen Recherchen stößt er Jahre später auf einen kleinen Provinzklub, dem es durch eine Anhäufung mittlerer bis großer Wunder gelungen ist, bis in die zweithöchste Spielklasse (Serie B) aufzusteigen. McGinniss beschließt, eine Saison im Bergdorf Castel di Sangro in den Abruzzen zu verbringen.

Das Resultat ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „wunderbares“ Buch über die italienische Mentalität, die Emotionen eines echten Fans und die Gepflogenheiten im modernen Sport abseits der Fernsehkameras. Bei der Wahl des besten Romans über Fußball könnte die Entscheidung zwischen Hornbys „Fever Pitch“ und dem „Wunder von Castel di Sangro“ knapp ausfallen. Schildert Hornby das traditionsbewusste Mutterland des Football noch vor dem Auftauchen der Milliardäre auf den Präsidentensesseln, so steht bei McGinniss der Einfluss diverser – mehr oder minder obskurer – Patrone auf den „Calcio“ bereits im Mittelpunkt des Geschehens.

Der Faszination des Amerikaners können weder die seltsame Geschäftspolitik des Vereinsvorstands noch die große Zahl an erbärmlichen Zitterpartien etwas anhaben. Doch am Ende des Romans kommt es zu einer riesigen Enttäuschung, die den Leser in eine kräftige Depression stürzt. Wer Happy Ends bevorzugt, sollte die Lektüre auf Seite 464 beenden, alle anderen lesen weiter bis zum bitteren Finale. Ein Buch, das Ihre Sicht auf den Fußball nachhaltig verändern wird, egal ob sie ihn bisher geliebt, ignoriert oder abgelehnt haben.